Claude Mythos ist nicht einfach eine inkrementelle Verbesserung, sondern ein Quantensprung: Anthropic positioniert das neue Modell über seinen etablierten Produktlinien Haiku, Sonnet und Opus in einer eigenen, vierten Kategorie namens Copybara. Nach Aussage des Unternehmens übertrifft Mythos jeden anderen derzeit verfügbaren Frontier-KI-Modell. Die Nachricht von Mythos kam Ende März 2026 an die Öffentlichkeit, nachdem Fortune Magazine über eine Leckage von knapp 3.000 Dateien aus einer fehlkonfigurierten Content-Management-Anwendung berichtete. Anthropic bestätigte daraufhin offiziell die Details und kündigte Mythos Preview als Grundlage von Project Glasswing an.
Das Besondere: Mythos wurde gezielt mit agentic AI-Fähigkeiten entwickelt, die es dem Modell ermöglichen, nicht nur Codeanalyse durchzuführen, sondern auch autonome Aktionen zu treffen. “Die starken Cybersicherheitsfähigkeiten von Claude Mythos Preview entstehen durch seine hervorragenden agentic Coding- und Reasoning-Skills”, heißt es in Anthropics offiziellem Statement. Das Modell erzielt Höchstwerte bei Softwarecodierungs-Benchmarks.
Die bisherigen Ergebnisse sind beeindruckend und alarmierend zugleich. In wenigen Wochen hat Mythos Tausende von Zero-Day-Lücken identifiziert – viele davon kritischen Schweregrad. Einige dieser Bugs sind zwei Jahrzehnte alt oder älter; der älteste bislang gefundene Fehler existiert seit 27 Jahren in OpenBSD. Eine 16 Jahre alte Videosoftware-Schwachstelle hatte fünf Millionen automatisierte Tests ohne Entdeckung überstanden. Besonders bemerkenswert: Mythos gelang es, mehrere Linux-Kernel-Lücken autonom zu verketten und damit einen Weg zu zeigen, wie ein Angreifer von normalen Benutzerrechten zur vollständigen Kontrolle des Systems gelangen könnte.
Anthropic ist sich der Gefahren bewusst. Das Unternehmen berichtete bereits im November 2025 von der “ersten dokumentierten KI-orchestrierten Spionagekampagne”. Im September 2025 entdeckte das Unternehmen eine hochsophistizierte Spionageoperation, bei der Angreifer – mit hoher Konfidenz einer chinesischen staatlichen Gruppe – Anthropics Claude-Code manipulierten und KI-Fähigkeiten nicht nur als Berater, sondern zur autonomen Durchführung von Cyberangriffen nutzten.
Um diese Risiken zu mitigieren, startete Anthropic Project Glasswing mit prominenten Partnern: Amazon, Apple, Broadcom, Cisco, CrowdStrike, die Linux Foundation, Microsoft und Palo Alto Networks bilden ein Konsortium zur Sicherung kritischer globaler Software. Zusätzlich erhielten über 40 weitere Organisationen Zugang zu Mythos Preview. Igor Tsyganskiy von Microsoft und Anthony Grieco von Cisco betonen in Statements, dass die traditionellen Wege der Systemhärtung nicht mehr ausreichen und schnelles Handeln erforderlich ist.
Jim Zemlin von der Linux Foundation hebt hervor, dass dieses Projekt insbesondere Open-Source-Maintainern – deren Software die kritische Infrastruktur der Welt unterstützt – endlich professionelle Unterstützung bei Sicherheitsfragen bietet. Allerdings warnt auch die Cybersicherheitsbranche: Wenn Defender auf diese Technologie zugreifen können, werden Angreifer es auch tun. Das Rennen ist eröffnet.
