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Logistik-Branche im Visier: Cyberkriminelle stehlen Frachten mit raffinierten Fernzugriff-Tools

Logistik-Branche im Visier: Cyberkriminelle stehlen Frachten mit raffinierten Fernzugriff-Tools
Zusammenfassung

Die Logistik- und Transportbranche wird zunehmend zum Ziel von organisierten Cyberkriminellen, die es auf Frachtdiebstahl abgesehen haben. Sicherheitsforscher von Proofpoint haben kürzlich eine Kampagne analysiert, bei der Angreifer über kompromittierte Lastenbörsen – digitale Marktplätze, auf denen Speditionen und Versender zusammenkommen – Zugang zu Transportunternehmen erlangen. Nach dem Eindringen installieren die Kriminellen mehrere Remote-Access-Tools, um dauerhaft die Kontrolle zu behalten, und nutzen dabei auch innovative Techniken wie ein "Signing-as-a-Service"-System zur Zertifikatsverwaltung. Die Bedrohung ist erheblich: Cargo-Diebstähle verursachen in Nordamerika jährlich Verluste von 6,6 Milliarden Dollar, wobei digitale Angriffe den Löwenanteil ausmachen. Für Deutschland sind kleine und mittlere Transportunternehmen besonders gefährdet, da sie oft unzureichende Cybersicherheitsvorkehrungen haben. Die Angreifer scannen gezielt nach Zugangsdaten zu Bankkonten, Kryptowallet und Zahlungsdienstleistern – es geht ihnen nicht nur um Frachtdiebstahl, sondern um umfassende finanzielle Ausbeutung. Experten verfolgen etwa ein Dutzend verschiedene Gruppen, die diesen lukrativen Sektor europaweit angreifen.

Cyberkriminelle infiltrieren Transportunternehmen gezielt über Ladebörsen – digitale Marktplätze, auf denen Frachtmakler und Versender ihre Dienste anbieten. Nachdem sie Zugriff auf diese Plattformen verschaffen, senden sie manipulierte E-Mails an Transportunternehmen mit bösartigen Dateien. Die Proofpoint-Forscher errichteten eine kontrolierte Test-Umgebung, um diese Kampagnen im Detail zu untersuchen.

Besonders bemerkenswert ist die Raffinesse der Angreifer: Sie installieren mehrere Fernzugriff-Tools parallel – in der untersuchten Kampagne mindestens vier Instanzen von ScreenConnect – um ihre Kontrolle zu sichern, falls einzelne Tools erkannt und deaktiviert werden. Das letzte installierte ScreenConnect-Tool offenbarte eine neue Strategie: Die Cyberkriminellen nutzen ein automatisiertes Script, das ein externes Zertifizierungssystem abfragt. Dies ermöglicht es ihnen, alle installierten Komponenten mit einem von Windows als vertrauenswürdig eingestuften Zertifikat zu signieren.

“Das war eine neue Fähigkeit, auf die wir zufällig gestoßen sind”, erklärte Proofpoint-Forscher Ole Villadsen. Diese sogenannte “Signing-as-a-Service”-Lösung stellt eine Reaktion auf Sicherheitsmaßnahmen von ScreenConnect dar, die bestehende Zertifikate widerrufen und neue Installationen signieren lassen. Die Angreifer umgehen diese Beschränkungen durch ein automatisiertes Signatur-System, das nicht nur die Installer, sondern auch alle Komponenten-Dateien neu signiert.

Doch Frachtdiebstahl ist nicht das einzige Ziel dieser Cyberkriminellen. Sie führen umfangreiche Scans durch, um Kryptowährungs-Wallets und PayPal-Konten zu lokalisieren. PowerShell-Scripts durchsuchen infizierte Geräte nach Zugangspunkten zu Banken, Geldtransferdiensten und Online-Buchhaltungssoftware. Auch Fuel-Card-Provider werden gezielt durchsucht.

“Sie kennen die Transportbranche sehr gut und wissen, wie man diesen Sektor zielgerichtet angreift”, so Villadsen. “Aber sie sind auch Cyberkriminelle, die jede Möglichkeit nutzen, um Geld aus einer kompromittierten Workstation zu extrahieren.”

Proofpoint-Forscher verfolgen etwa ein Dutzend verschiedener Gruppen, die die Transportbranche in Nord- und Südamerika sowie Europa angreifen. Ein besonderes Problem: Die Mehrheit der Transportunternehmen sind kleine Betriebe mit weniger als zehn Lastkraftwagen, die oft keine robusten Cybersicherheitsverteidigungen haben. Durch Angriffe auf Ladebörsen können Hacker Dutzende oder sogar Hunderte von Transportunternehmen gleichzeitig infiltrieren und ihre Frachten stehlen.