Sicherheitsforscherin Devashri Datta bringt es auf den Punkt: „Software-Supply-Chain-Sicherheit leidet nicht unter mangelnden Daten, sondern unter mangelnder Entscheidungsklarheit.” Ihre Erkenntnisse offenbaren ein strukturelles Problem, das deutsche Organisationen unmittelbar betrifft.
SBOMs wurden ursprünglich eingeführt, um eine detaillierte Komponenten-Inventarliste für Software-Produkte bereitzustellen. Zusammen mit VEX-Statements (Vulnerability Exploitability eXchange) – Erklärungen zur Ausnutzbarkeit bekannter Schwachstellen – sollten diese Instrumente die Lieferkettensicherheit revolutionieren. Doch in der Praxis zeigt sich ein ernüchterndes Bild.
Ein zentrales Problem: Die Qualität und Aktualität von SBOMs variiert erheblich. Während Softwareanbieter verpflichtet sind, für jeden neuen Build (Updates, Patches, neue Versionen) eine neue SBOM zu generieren, ist eine universelle Verteilung dieser aktualisierten Dokumente nicht vorgeschrieben. Viele Kunden erhalten aktualisierte SBOMs nur auf Anfrage – oder gar nicht. Sie bemerken oft nicht, dass sich die Komponenten ihrer Software geändert haben.
Auch VEX-Statements leiden unter mangelnder Akzeptanz. Sicherheitsteams zögern, Aussagen zur Ausnutzbarkeit von Schwachstellen zu treffen – nicht nur wegen technischer Unsicherheit, sondern aus Haftungsbedenken. Das führt zu einem fragmentierten Sicherheitsansatz: Sicherheitsteams verlassen sich auf Severity-Scores ohne Kontext, Engineering-Teams fehlen klare Entscheidungskriterien, und Legal-Teams arbeiten mit isolierten Disclosure-Daten.
Die fehlende Governance-Schicht
Dattas zentrale Erkenntnis: Es braucht nicht mehr Daten oder Tools, sondern eine Governance-Schicht, die SBOMs und VEX-Informationen über den gesamten Lebenszyklus hinweg interpretiert. Eine „Entscheidungs-Intelligenz”, die SBOMs als Lebenszyklus-Signale versteht statt bloße Inventare, VEX als kontextuelle Eingabe nutzt und dritte Informationsquellen integriert.
Die Dringlichkeit ist evident: Moderne Angreifer, unterstützt durch KI-Modelle, schließen die Lücke zwischen Vulnerability-Erkennung und Exploitation inzwischen in Stunden oder weniger. Veraltete Dokumentation wird zur Sicherheitslast.
Zugleich intensivieren sich regulatorische Anforderungen global – Behörden fordern strengere SBOM-Mandate und Transparenzanforderungen. Deutsche Unternehmen müssen sich darauf vorbereiten, dass sie ihre Sicherheitsentscheidungen nicht nur treffen, sondern auch erklären und verteidigen können. Ohne ein einheitliches Entscheidungsmodell bleibt die Antwort auf diese Anforderung oft: unmöglich.
