Vercel machte die zusätzlichen Funde nach eigenen Worten, nachdem es den Untersuchungsumfang ausgeweitet hatte. Geprüft wurden dabei nicht nur ein erweiterter Satz an Kompromittierungsindikatoren, sondern auch Anfragen an das Vercel-Netzwerk und die Umgebung sowie Ereignisse, bei denen Umgebungsvariablen aus den Protokollen ausgelesen wurden.
Neben den im aktuellen Vorfall kompromittierten Konten stieß das Unternehmen auf eine kleine Zahl von Kundenkonten, die bereits zuvor – und unabhängig von diesem Vorfall – kompromittiert worden waren. Als mögliche Ursachen nennt Vercel Social Engineering, Malware oder andere Methoden. In beiden Fällen seien die betroffenen Parteien informiert worden; konkrete Opferzahlen veröffentlichte das Unternehmen nicht.
Den Ausgangspunkt der Angriffskette bildete die Kompromittierung von Context.ai, ausgelöst durch die Nutzung des Dienstes durch einen Vercel-Mitarbeiter. Über das übernommene Google-Workspace-Konto verschaffte sich der Angreifer Zugang zum Vercel-Konto des Mitarbeiters. „Von dort konnten sie in eine Vercel-Umgebung wechseln und sich anschließend durch Systeme bewegen, um nicht sensible Umgebungsvariablen aufzuzählen und zu entschlüsseln“, erklärte Vercel.
Eine weitere Untersuchung durch Hudson Rock ergab, dass sich ein Context.ai-Mitarbeiter im Februar 2026 mit Lumma Stealer infizierte, nachdem er nach Roblox-Auto-Farm-Skripten und Spiele-Exploit-Executoren gesucht hatte. Dieses Ereignis könnte der „Patient null“ gewesen sein, der die gesamte Kette schädlicher Aktionen auslöste.
Vercel-CEO Guillermo Rauch ergänzte auf X, der Angreifer sei über die Kompromittierung des Start-ups hinaus aktiv gewesen. Erkenntnisse aus der Bedrohungsaufklärung deuteten auf die Verbreitung von Malware auf Rechner hin, die gezielt nach wertvollen Tokens wie Zugangsschlüsseln zu Vercel-Konten und anderen Anbietern suche.
Ob die Nutzung der Context AI Office Suite durch Vercel-Mitarbeiter genehmigt war oder einen Fall von „Schatten-KI“ darstellte – also den ungeprüften, nicht durch die IT freigegebenen Einsatz von KI-Werkzeugen –, ist unklar. Die AI Office Suite wurde von Context.ai inzwischen eingestellt.
Tanium ordnete den Vorfall mit Blick auf OAuth-Integrationen ein: Diese reduzierten zwar Reibung, seien aber auch gefährlich, weil sie das Vertrauen des Nutzers und der Organisation erben könnten. Missbrauche ein Angreifer eine freigegebene Integration, umgehe er womöglich Kontrollmechanismen, auf die Teams bei einer direkten Kontoübernahme setzen. Bemerkenswert sei operativ weniger die Menge der offengelegten Daten als vielmehr die Geschwindigkeit der Angreifer und ihre Fähigkeit, interne Umgebungen vor der Entdeckung zu durchforsten. Damit verschiebe sich die Aufgabe der Verteidiger von der Prävention hin zur raschen Eingrenzung des Schadensradius.
