Im Zentrum der Vorwürfe steht das sogenannte Destillieren: eine Technik, bei der ein schwächeres Modell mit den Ausgaben eines stärkeren trainiert wird. Kratsios wirft Akteuren mit Sitz vor allem in China vor, auf diese Weise gezielt Fähigkeiten aus führenden US-Systemen abzugreifen.
Parallel zum Memo sprach sich der Auswärtige Ausschuss des US-Repräsentantenhauses einstimmig und parteiübergreifend für einen Gesetzentwurf aus. Dieser soll ein Verfahren schaffen, um ausländische Akteure zu identifizieren, die „zentrale technische Merkmale" geschlossener, in US-Besitz befindlicher KI-Modelle extrahieren, und sie unter anderem mit Sanktionen zu belegen. Der Initiator, der Abgeordnete Bill Huizenga (Republikaner, Michigan), nannte Modell-Extraktionsangriffe „die jüngste Front der chinesischen Wirtschaftserpressung und des Diebstahls geistigen Eigentums der USA".
China wies die Vorwürfe zurück. Die chinesische Botschaft in Washington erklärte, man lehne „die ungerechtfertigte Unterdrückung chinesischer Unternehmen durch die USA" ab; Sprecher Liu Pengyu betonte, China messe dem Schutz geistigen Eigentums große Bedeutung bei. Außenamtssprecher Guo Jiakun nannte die US-Behauptungen in Peking grundlos und forderte die USA auf, „Fakten zu respektieren, Vorurteile abzulegen und die technologische Entwicklung Chinas nicht länger zu unterdrücken".
Der Streit knüpft an frühere Vorwürfe an. Im vergangenen Jahr brachte das chinesische Start-up DeepSeek mit einem großen Sprachmodell die US-Märkte in Aufruhr, das mit den US-Branchengrößen mithalten konnte, aber nur einen Bruchteil kostete. David Sacks, damals KI- und Krypto-Berater von Präsident Trump, erklärte, es gebe „erhebliche Belege" dafür, dass DeepSeek das Wissen aus den Modellen von OpenAI destilliert habe. OpenAI selbst erhob in einem Schreiben an US-Abgeordnete ähnliche Vorwürfe. Anthropic, Hersteller des Chatbots Claude, beschuldigte DeepSeek und zwei weitere chinesische KI-Labore, „unrechtmäßig Fähigkeiten von Claude" extrahiert zu haben, um die eigenen Modelle zu verbessern.
Anthropic betonte zugleich, Destillation könne ein legitimer Weg sein, KI-Systeme zu trainieren; problematisch werde sie erst, wenn Wettbewerber damit „leistungsfähige Fähigkeiten anderer Labore in einem Bruchteil der Zeit und zu einem Bruchteil der Kosten" erlangten. Dass es in beide Richtungen läuft, zeigt das Beispiel des Start-ups Anysphere aus San Francisco: Der Hersteller des Programmierwerkzeugs Cursor räumte kürzlich ein, sein neuestes Produkt baue auf einem quelloffenen Modell des chinesischen Unternehmens Moonshot AI auf.
Kyle Chan von der Brookings Institution verglich die Aufgabe, unautorisierte Destillation aus der riesigen Menge legitimer Datenabfragen herauszufiltern, mit der „Suche nach Nadeln in einem gewaltigen Heuhaufen". Hilfreich könnten Informationsaustausch und Koordination zwischen den US-KI-Laboren sein, wobei die Bundesregierung eine wichtige Rolle übernehmen könne. Wie weit der Gesetzentwurf komme, sei schwer abzuschätzen; Chan verwies darauf, dass Trump vor einem geplanten Staatsbesuch in Peking das Verhältnis zu Chinas Präsident Xi Jinping womöglich nicht belasten wolle.
