Bereits 2024 hatten der US Secret Service und das FBI mit der „Operation Level Up" begonnen, um Kryptowährungsbetrug zu erkennen und zu stoppen. Im vergangenen Jahr richtete die Trump-Regierung zusätzlich die „Scam Center Strike Force" gegen die Banden hinter diesen Maschen ein. Nach Angaben des Justizministeriums hat allein die „Operation Level Up" in fast 9.000 Fällen von Kryptobetrug eingegriffen und Opfern schätzungsweise 562 Millionen Dollar erspart.
Martin Zugec, Technical Solutions Director bei Bitdefender, ordnet diese Zahlen ein: Die „Scam Center Strike Force" habe erste konkrete Ergebnisse erzielt. Zur Einordnung verweist er jedoch auf Schätzungen der UN, wonach die Branche jährlich rund 64 Milliarden Dollar umsetze – mehr als das gesamte Bruttoinlandsprodukt Kambodschas. Die gemeldeten Verluste in den USA seien von 2023 bis 2025 gestiegen. Die Erfolge seien real, das Problem aber deutlich größer.
Ein Schwerpunkt der aktuellen Aktion liegt auf dem Shunda-Compound nahe der Grenze zwischen Myanmar und Thailand. Im November 2025 nahm die burmesische Armee die Anlage ein. In Thailand stationierte FBI-Agenten werteten die zurückgelassenen Beweise aus und rekonstruierten den digitalen und organisatorischen Aufbau der Operation.
Wie alle diese Compounds rekrutierte Shunda seine Arbeitskräfte mit falschen Versprechen lohnender Anstellungen, vor allem über Telegram. Aus einem Kanal mit 6.000 echten oder gefälschten Followern warben die Hintermänner arme und arbeitslose Menschen an – bevorzugt attraktive Frauen oder Personen mit US-amerikanisch klingendem Akzent. Diesen Telegram-Kanal haben die US-Behörden inzwischen beschlagnahmt.
Im Inneren wurden manche Arbeiter gezwungen, US-Bürger anzurufen, sich als Vertreter US-amerikanischer Banken auszugeben und ihnen einzureden, ihr Konto sei für den Kauf von Schusswaffen genutzt worden. Die Masche folgte vorgefertigten Skripten. Die beiden Männer, die die Operation leiteten und säumige Arbeiter körperlich bestraften, sind chinesische Staatsangehörige; beide wurden wegen Überweisungsbetrugs (wire fraud) angeklagt.
An der Spitze steht laut den Ermittlungen Kok An, ein in den Geschäftsfeldern Glücksspiel und Tabak tätiger Unternehmer und langjähriges Mitglied des kambodschanischen Senats. Nach Angaben des US-Finanzministeriums teilt seine Hotel- und Casino-Marke Crown Resorts, die zu seiner Firma Anco Brothers gehört, ihre Tätigkeit zwischen touristischer Entwicklung und Menschenhandels-Compounds auf – wobei Shunda selbst nicht dazugehöre. Beide Geschäftszweige ergänzten sich: gemeinsame digitale Infrastruktur, Casino-Sicherheitsleute als Aufseher und Casinos zur Geldwäsche der Betrugserlöse. Neben An selbst sanktionierte das Office of Foreign Assets Control (OFAC) 28 weitere Personen aus seinem Netzwerk.
Zugec betont, warum solche Maßnahmen hier mehr bewirken als gegen rein digitale Cyberkriminalität: Anders als Ransomware-Gruppen, die über Nacht mit neuer Domain neu auftreten könnten, seien Scam Center physische Anlagen mit Gebäuden, Wachen und einer oft verschleppten oder gezwungenen Belegschaft. Sie beruhten zudem auf gepflegten Beziehungen zu lokalen Amtsträgern; diese korrupten Netzwerke andernorts neu aufzubauen koste Zeit und Geld. Ein Umzug sei dennoch möglich: Druck auf die Kokang-Region in Myanmar 2023 habe Aktivitäten nach Kambodscha verlagert, und erste Signale aus dem frühen Jahr 2026 deuteten bereits auf Sri Lanka als nächstes Ziel.
