Der Fall der Australierin Ayleen Charlotte ist exemplarisch für die psychische und finanzielle Zerstörung, die Romance-Scams hinterlassen. Über ein Jahr hinweg war ihr vermeintlicher Freund in Wahrheit Shimon Hayut, einer der berüchtigtsten Betrüger unserer Zeit. Charlotte verlor nahezu ihr gesamtes Vermögen – doch als sie Hilfe suchte, wurde sie erneut zum Opfer: Vier Polizeistationen wies sie ab, ihre Bank beschuldigte sie der Leichtgläubigkeit und schlug ihr sogar vor, ihr Haus zu verkaufen.
Diese mangelnde Empathie bewegte Charlotte dazu, die Organisation SAFE (Scam Awareness and Fraud Education) zu gründen, die Finanzinstitute, Behörden und Unternehmen berät, wie sie Opfern würdevoll begegnen können.
Die alarmierende Statistik hinter den Zahlen
Die Dimensionen des Problems sind beachtlich: Das FBI-Internetbeschwerdezentrum verzeichnete 2025 mehr als 72.000 Investment-Scam-Beschwerden mit Gesamtschäden von 8,65 Milliarden Dollar. Bei Romance-Scams allein waren es über 23.000 gemeldete Fälle. Experten gehen von einer enormen Dunkelziffer aus – die meisten Betrügereien werden nie angezeigt, weil Opfer sich schämen oder die Ermittlungen aussichtslos erscheinen.
Die Betrüger nutzen dabei ein perfides psychologisches Kalkül: Sie bauen monatelang Vertrauen auf, ähnlich wie ein Farmer ein Schwein mästet, bevor er es schlachtet. Diese Strategie funktioniert nicht nur bei romantischen Beziehungen, sondern auch bei Freundschaften und vermeintlichen Investment-Partnerschaften – überall dort, wo Vertrauen der Schlüssel ist.
Gesellschaftliche Faktoren erhöhen das Risiko
Erin West, Gründerin von Operation Shamrock, betont einen oft übersehenen Faktor: Scammer exploitieren gezielt menschliche Sehnsüchte nach Nähe und Zugehörigkeit. In einer zunehmend digitalen und isolierten Gesellschaft ist das Bedürfnis nach Kontakt größer denn je. Ältere Menschen gelten zwar als besonders gefährdet, doch West warnt: “Sie zielt auf jeden mit einem Handy und einer Geldbörse ab.”
Deutsche Rentner und Pensionäre sind nicht weniger gefährdet als ihre US-amerikanischen Pendants. Das BSI und das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik haben solche Bedrohungen längst auf dem Radar, doch präventive Maßnahmen reichen nicht aus.
Ein Kulturwandel ist notwendig
Charlottes zentrale Forderung lautet: “Put the victim in the center” – Opfer ins Zentrum stellen. Das bedeutet konkret: Finanzinstitute müssen verdächtige Transaktionen nicht nur blockieren, sondern Kunden auch unterstützen, wenn diese sich betrogen fühlen. Rick Swenson von TIAA berichtet von einem Fall, in dem eine 87-jährige Witwe 400.000 Dollar bereits verloren hatte – es brauchte Wochen und mehrere Behördenbesuche, um sie zu überzeugen.
Deutsche Banken und Behörden sollten diesem Beispiel folgen. Empathische Schulung von Mitarbeitern, koordinierte Anstrengungen zwischen Finanzsektor und Strafverfolgung, sowie Präventions-Initiativen – wie das “Then & Now”-Curriculum für ältere Erwachsene – sind notwendig.
Am Ende bleibt eine unbequeme Wahrheit: Jeder kann Opfer werden. Cybersicherheitsexperten fühlen sich sicher vor solchen Betrügereien – doch die nächsten Opfer sind längst unter uns.
