Die fehlende Empathie all jener, die ihr eigentlich hätten helfen sollen, habe sie zermürbt, sagte Charlotte vor dem Publikum. Scham und Schuldzuweisungen hätten ihr das Gefühl gegeben, ein zweites Mal zum Opfer zu werden. Aus dieser Erfahrung heraus befasste sie sich mit der Psychologie des Betrugs und gründete die Non-Profit-Organisation Scam Awareness and Fraud Education (SAFE), die Finanzinstitute, Strafverfolgungsbehörden, Regulierer und Organisationen im einfühlsamen Umgang mit Betrugsopfern berät. „Man muss eine Kultur schaffen, die das Opfer in den Mittelpunkt stellt", sagte sie.

Das Ausmaß bleibt groß: Das Internet Crime Complaint Center des FBI verzeichnete im Internet Crime Report 2025 insgesamt 23.159 Meldungen zu Vertrauens- oder Romance-Betrug. Hinzu kamen 72.984 Beschwerden über Anlagebetrug mit einem Schaden von 8,65 Milliarden US-Dollar. Da die allermeisten Pig-Butchering-Fälle nicht gemeldet werden, spiegeln diese Zahlen nur einen Bruchteil der Vorfälle wider.

Nicht jeder dieser Betrugsfälle hat einen romantischen Hintergrund. Häufig knüpfen Täter online Beziehungen, die zwar nicht romantisch sind, aber genug Vertrauen schaffen, um die Opfer etwa in falsche Investmentsysteme zu locken. Laut Erin West, Gründerin der Non-Profit-Organisation Operation Shamrock, nutzen die Angreifer das menschliche Bedürfnis nach Gesellschaft und Nähe aus. „Der Gegner hat sich diese Masche gezielt ausgesucht", sagte West. „Sie wissen, dass wir derzeit nichts mehr brauchen als Gesellschaft." West, frühere Staatsanwältin im kalifornischen Santa Clara County, brachte mit Operation Shamrock Strafverfolgung, Technologie und Finanzwelt zusammen, um die aus Südostasien betriebenen Maschen zu stören. Dass die Betrügereien aus Callcentern im Ausland gesteuert werden, erschwert Verfolgung und Strafverfolgung zusätzlich.

Senioren gelten seit Langem als besonders gefährdet, weil sie oft weniger technikaffin und häufig allein sind. Deshalb könnten und sollten Finanzinstitute eine zentrale Rolle beim Schutz älterer Menschen spielen, sagte Rick Swenson, Managing Director im Enterprise Fraud Management beim Investmentunternehmen TIAA. Wie schwierig das ist, schilderte er gemeinsam mit Lisa Plaggemier von der National Cybersecurity Alliance am Beispiel einer 87-jährigen Witwe, die 250.000 US-Dollar aus ihrem Rentenkonto für eine vermeintliche Anlagechance abziehen wollte. TIAA hatte erkannt, dass sie betrogen wurde, und wusste, dass sie bereits 400.000 US-Dollar von Konten bei anderen Instituten ins Ausland überwiesen hatte.

Als TIAA die Überweisung stoppte, sei die Frau wütend gewesen und habe dem Unternehmen nicht geglaubt, so Swenson. Erst nach dreieinhalb Wochen und persönlichen Besuchen von Mitarbeitern des Erwachsenenschutzes, des örtlichen Sheriffs und des FBI ließ sie sich überzeugen. „Einen Betrug zu erkennen ist das eine", sagte Swenson. „Einen Verlust unter solchen Umständen zu verhindern, ist etwas ganz anderes." TIAA und die National Cybersecurity Alliance riefen die Initiative „Then & Now" ins Leben, die mit Online-Lehrplan, gedrucktem Arbeitsheft und einem Werkzeugkasten für Freiwillige ältere Menschen online schützen soll.

Der Fokus dürfe sich aber nicht auf Senioren beschränken, betonte West – die Betrüger hätten es auf „jeden mit einem Handy und einer Geldbörse" abgesehen. Prävention müsse ein „Mannschaftssport" sein, an dem neben Banken auch Telekommunikationsanbieter beteiligt sind, um Betrugsanrufe und -nachrichten besser zu blockieren. Regulierer wie die Federal Trade Commission müssten ihre Befugnisse nutzen, um gegen Täter vorzugehen, die Telekommunikationsnetze missbrauchen. Auch Sicherheitsfachleute sollten die Gefahr nicht unterschätzen: „Es passiert Ihrem Nachbarn. Es passiert Ihren Freunden", sagte West. Opfer für ihren Reinfall als dumm hinzustellen helfe niemandem heraus – „der beste Weg dorthin ist Empathie".