Inglis ordnet Snowdens Vorwürfe in eine lange Tradition amerikanischen Misstrauens gegenüber dem Staat ein — und gegenüber Geheimorganisationen im Besonderen. Die NSA, intern auch „no such agency" genannt, sei beides zugleich gewesen und habe damit einen „rohen Nerv" getroffen. Snowden habe im Frühjahr und Sommer 2013 von Hongkong und Moskau aus behauptet, die NSA missbrauche ihr Vertrauen für willkürliche Überwachung.

Als Kronzeugen führt Inglis Geoffrey Stone an, Mitglied der vierköpfigen Untersuchungskommission und früherer Dekan der juristischen Fakultät der University of Chicago. Stone, nach eigener Darstellung ACLU-Mitglied und überzeugter Libertärer, sei skeptisch in die Untersuchung gegangen und habe eine außer Kontrolle geratene Behörde erwartet. Stattdessen habe er eine Organisation vorgefunden, die das Gesetz nicht nur befolgte, sondern zu ihrem Handeln verpflichtet war. Stones Fazit: Die NSA verdiene das Vertrauen der Amerikaner — dürfe dieses Vertrauen aber niemals als selbstverständlich voraussetzen.

Den Ursprung des Falls verortet Inglis nicht in der Datenerfassung, sondern in einem Konflikt am Arbeitsplatz. Im Spätfrühjahr 2012 habe Snowden, als Vertragsarbeiter ohne die Einbindung fester Mitarbeiter, gegenüber seinem Vorgesetzten Vorschläge gemacht und sei abgewiesen worden — sinngemäß mit der Aufforderung, sich zu fügen oder Bundesbeamter zu werden. Snowden habe daraufhin begonnen, Informationen zu sammeln, die er ein Jahr später in Hongkong offenlegte. Inglis hält fest, dass Snowden zahlreiche interne Meldewege offengestanden hätten, etwa anonym, an Aufsichtsausschüsse des Kongresses, an das Justizministerium oder den Director of National Intelligence.

Den schwersten Schaden sieht Inglis im Reputations- und Vertrauensverlust. Hinzu kam, dass Snowden zahlreiche Erfassungsmethoden der NSA offenlegte, die Gegner — Inglis nennt Terroristen sowie Nordkorea und Iran — sofort umgingen. Besonders betroffen war die Erfassung nach dem Foreign Intelligence Surveillance Act, der Kommunikation erfasste, die zwischen ausländischen Stellen über die USA geleitet wurde. Die NSA habe diese Fähigkeit verloren und sich nach Inglis’ Worten zurückerarbeiten müssen. Dazu kamen erhebliche Zeit- und Kapitalkosten für neue Kontrollmechanismen; Inglis zitiert den früheren NSA-Direktor Keith Alexander mit dem Bild von „Leuten mit Klemmbrettern, die Leute mit Klemmbrettern beobachten".

Für Unternehmen leitet Inglis konkrete Lehren ab. Erstens: Geringe Wahrscheinlichkeit bei hoher Tragweite bedeute nicht null Wahrscheinlichkeit — man müsse sich auf den Ernstfall vorbereiten. Zweitens: Vertragsarbeitern mit weitreichenden Rechten dürfe man nicht das Gefühl geben, bloße Ware zu sein. Drittens: Physischer Zugang, Online-Verhalten und Personalakte müssten zusammen betrachtet werden. So sei Snowden an anderen NSA-Standorten auf Hawaii zu ungewöhnlichen Zeiten erschienen, ohne sich anzumelden — er habe sich mit den Zugangsdaten anderer Administratoren eingeloggt. Inglis beschreibt ihn als „low and slow", als jemanden, der unterhalb der Schwellenwerte blieb. Wer eine schädliche, aber wirkungsvolle Geschichte über eine Organisation erzählen könne, der zwinge diese in die Defensive — weshalb man die eigene Geschichte zuerst erzählen müsse.

Zum Abschluss verweist Inglis auf die Dokumentation „Midnight in the War Room" über Cyberkrieg, finanziert von Semperis, die am 5. August bei der Black Hat USA Premiere feiern soll und die Rolle der CISOs in den Mittelpunkt stellt.