Cybersicherheit

Lateinamerika wird doppelt so häufig angegriffen wie die USA

Lateinamerika wird doppelt so häufig angegriffen wie die USA

Lateinamerika ist zur am stärksten angegriffenen Region weltweit geworden. Organisationen dort verzeichnen durchschnittlich 3.100 Cyberbedrohungen pro Woche – mehr als doppelt so viele wie in den USA.

Lateinamerika erlebt eine beispiellose Welle von Cyberangriffen. Nirgendwo auf der Welt wächst die Bedrohungslage schneller als in dieser Region, was auf die rasante digitale Expansion von Unternehmen bei gleichzeitig stagnierendem Cybersicherheitsausbau zurückzuführen ist.

Check Point-Forscher dokumentierten im vergangenen Jahr einen Anstieg der wöchentlichen Cyberattacken um 53 Prozent im Jahresvergleich. Mittlerweile ist Lateinamerika 2026 die am meisten angegriffene Region global. Laut einem aktualisierten, noch unveröffentlichten Bedrohungsbericht von Check Point von März 2026 sind lateinamerikanische Organisationen mit durchschnittlich etwa 3.100 Cyberbedrohungen pro Woche konfrontiert – deutlich mehr als ihre US-amerikanischen Pendants mit knapp unter 1.500 Angriffen.

Doch es geht nicht nur um die Menge: Die Art der Angriffe unterscheidet sich regional erheblich. Bestimmte Bedrohungskategorien sind in Lateinamerika überproportional häufig vertreten – Ransomware-Anschläge (5,4 Prozent versus 3,1 Prozent in den USA), Infosstealer-Malware (5,3 versus 2,1 Prozent), Banking-Trojaner (2,8 versus 0,8 Prozent) und Botnetze (13,1 versus 7,2 Prozent).

Besonders auffällig ist der Unterschied in der Angriffseinleitung: Während 95 Prozent der Malware-Dateien in den USA über das Web verbreitet werden – durch kompromittierte Websites, Drive-by-Downloads oder Malvertising – macht Email in Lateinamerika 74 Prozent der Angriffsvektor aus. “Phishing-Kampagnen sind in dieser Region extrem effektiv, besonders wenn sie sich als Finanzinstitute, Zahlungsbenachrichtigungen oder Regierungskommunikationen ausgeben”, erklärt Julio Lemus, Security Engineer bei Check Point. Dies könne auf mangelndes Cybersicherheitsbewusstsein zurückgehen.

Auch Branchen sind unterschiedlich betroffen. Während im Gesundheitswesen in den USA der neunte Platz verzeichnet wird, dominiert es in Lateinamerika seit Monaten die Angriffsstatistiken. Der Finanzsektor, in den USA nicht in den Top 10, belegt dort Platz sechs.

Eine Bewertung der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) und der Interamerikanischen Entwicklungsbank (IDB) offenbart die Schwäche: Die meisten lateinamerikanischen und karibischen Länder erreichen nur Reifegrad-Scores zwischen 2 und 3 auf einer Skala bis 5 im Cybersecurity Capacity Maturity Model.

Carlos Borges, Senior Intelligence Analyst bei Intel471, sieht das Problem differenziert: “Große Finanzunternehmen verfügen über ausreichend Ressourcen, aber kleine und mittlere Unternehmen sind fragil und anfällig für opportunistische Angreifer.” Das zeigt sich exemplarisch beim Supply-Chain-Vorfall der brasilianischen Fintech C&M Software vom Juli 2025, wo ein Insider mit einer Cyberkriminalgruppe kooperierte und hunderte Millionen Dollar aus dem brasilianischen Finanzsystem stahlen. Nur zwei Monate später wurde dieselbe Firma von der Dragonforce-Ransomware-Gruppe kompromittiert.

Check Point führt die Disparität auf unterschiedliche Reifungsniveaus, aber auch auf ökonomische und technologische Faktoren zurück. “Viele Organisationen arbeiten mit heterogenen IT-Umgebungen und ungleichen Sicherheitsinvestitionen, was Angreifern leichte Einstiegspunkte schafft”, betont Lemus. Hinzu kommt: “Cyberkriminelle sehen Lateinamerika als hochrentables Zielgebiet für Betrug und Erpressung, wo selbst einfache Techniken wie Phishing oder Credential-Theft erfolgreich sind.”


Quelle: Dark Reading