Nach übereinstimmenden Aussagen von Sicherheitsoffizieren aus Schweden, Finnland, Estland und Großbritannien verfolgt Russland eine systematische Strategie zur Beschaffung sensibler westlicher Technologien. Die Dringlichkeit dieser Bemühungen hat sich deutlich verschärft, seitdem internationale Sanktionen die russische Wirtschaft unter Druck setzen und der Ukraine-Krieg ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts aufzehrt.
Christoffer Wedelin, stellvertretender Leiter der Operationen beim schwedischen Geheimdienst, bestätigt: “Sie wissen sehr genau, was sie brauchen, und unternehmen ernsthafte Anstrengungen zur Beschaffung von hochmodernen Werkzeugmaschinen, Fabrikausrüstung und Dual-Use-Technologie.” In Skandinavien zielt Russland besonders auf die Verteidigungsindustrie ab – etwa auf Informationen zum Gripen-Kampfjet oder Kamera- und Lasertechnologien für zivile Anwendungen, die später in Waffensysteme integriert werden könnten.
Juha Martelius, Chef des finnischen Geheimdiensts, weitet den Blick auf Zukunftstechnologien: Raumfahrttechnologie, Quantencomputing, Arktis- und Meerestechnologie. Diese sind für Russlands strategische Positionierung gegenüber dem Westen in den kommenden Jahrzehnten entscheidend. Dazu gehören auch sanctionierte Softwareaktualisierungen für Werkzeugmaschinen.
Die Methoden werden immer raffinierter. Russische Agenten gründen Dummy-Unternehmen und rekrutieren Vermittler. Im Mai verhaftete die schwedische Polizei zwei Verdächtige wegen Verstößen gegen Sanktionen – sie waren an einem türkischen Unternehmen beteiligt, das dutzende Drehmaschinen nach Russland verschafft hat.
Parallel verstärkt Russland seine Cyber-Operationen gegen europäische Infrastrukturen. Ein Angriff auf ein schwedisches Elektrizitätswerk im vergangenen Jahr zeigt eine gefährliche Wendung: Während russische Geheimdienste früher Aufklärung betrieben, führen sie jetzt direktive Sabotageoperationen durch – mit geringerem Interesse an Verschleierung. “Sie riskieren mehr, um ihre Ziele zu erreichen”, warnt Wedelin.
Für Deutschland und europäische Unternehmen bedeutet dies erhöhte Wachsamkeit. Das BSI sollte verstärkt warnen, dass Betriebe unwissentlich Teil von Russlands Kriegslogistik werden können. Die Kombination aus wirtschaftlichem Druck und militärischer Notwendigkeit macht Moskau zu einem unkalkulierbaren Gegner.
