Monatelang hatten Abgeordnete daran gearbeitet, einen Kompromiss zu finden, der sowohl Datenschutz- als auch Bürgerrechtsbedenken auf beiden Seiten des politischen Spektrums berücksichtigen sollte. Im Senat zeichnete sich laut Vorlage zunächst ein Gesetzentwurf ab, der parteiübergreifende Unterstützung erhalten sollte.
Die Gespräche gerieten jedoch in der vergangenen Woche aus dem Takt, nachdem Präsident Donald Trump angekündigt hatte, den Bundeswohnungsbeamten Bill Pulte zum kommissarischen Director of National Intelligence zu machen. Pulte verfügt laut Vorlage weder über militärische noch nachrichtendienstliche Erfahrung und war zuvor damit aufgefallen, Kritiker des Präsidenten mit Vorwürfen des Hypothekenbetrugs und Untersuchungen ins Visier zu nehmen.
Die Personalie verärgerte die Demokraten und überraschte Republikaner. Das Repräsentantenhaus versuchte daraufhin am Donnerstag noch, eine weitere kurzfristige Verlängerung zu verabschieden, verfehlte aber die nötige Stimmenzahl, bevor die Abgeordneten bis zum 23. Juni in die Pause gingen. Auch der Senat scheiterte mit dem Versuch, eine Verlängerung von Section 702 im Schnellverfahren zu verabschieden.
Später erklärte Trump, er wolle Jay Clayton als nächsten dauerhaften Director of National Intelligence nominieren. Clayton ist Bundesrichter in New York und leitete zuvor die Securities and Exchange Commission. Führende Demokraten begrüßten den Schritt, darunter Senator Mark Warner aus Virginia, das ranghöchste demokratische Mitglied im Geheimdienstausschuss des Senats. Warner erklärte jedoch, bevor der Senat eine FISA-Verlängerung behandeln könne, brauche es „eine klare Garantie, dass Herr Pulte nicht als kommissarischer Director of National Intelligence dienen wird“.
Der Geheimdienstausschuss des Senats hat Claytons Anhörung für die kommende Woche angesetzt. Mehrheitsführer John Thune aus South Dakota hat zudem öffentlich erklärt, die Bestätigung so schnell wie möglich vorantreiben zu wollen.
Selbst bei einer Unterbrechung würde das Programm nicht vollständig enden. Im März genehmigte ein Geheimgericht die Fortführung des FISA-Programms für ein weiteres Jahr. Das dürfte bedeuten, dass bestehende Anordnungen nach Section 702 weitergelten, die Regierung aber keine neuen beantragen kann. Allerdings weist die Vorlage darauf hin, dass auch diese Auslegung gerichtlich angefochten werden könnte.
Offen ist außerdem, ob große US-Kommunikationsanbieter gerichtliche Anordnungen unter Section 702 weiter befolgen würden. Warner, selbst früher Manager in der Telekommunikationsbranche, sagte Reportern am Donnerstag, für manche Telekommunikationsunternehmen sei die Teilnahme kein großes Problem, solange sie freigestellt würden. Wenn diese Freistellung wegfalle, bewege man sich in genau jenem Bereich, dessen Eintritt man mit einer Verlängerung immer habe verhindern wollen.
Bereits beim letzten Anlauf zur FISA-Verlängerung im Jahr 2024 hatten nach Angaben der Vorlage zwei Dienstleister der National Security Agency mitgeteilt, sie würden aus dem Programm aussteigen, falls es auslaufe. Auf die Frage, ob Unternehmen auch diesmal signalisiert hätten, nicht mitziehen zu wollen, sagte Warner: „Ich weiß es nicht.“ Ein solcher Konflikt würde voraussichtlich erneut vor Gericht enden. Ein ähnlicher Streit war bereits 2008 entstanden, nachdem ein Richter entschieden hatte, dass Yahoo ein Vorgängergesetz von Section 702 nicht befolgen müsse. Der Fall wurde letztlich zugunsten der Regierung gelöst, allerdings erst nach monatelangen juristischen Auseinandersetzungen.
Jon Darby, früherer Einsatzleiter der NSA, kritisierte das absehbare Auslaufen scharf. Section 702 bilde „einen wesentlichen Teil der wichtigsten Auslandsaufklärung dieses Landes“ ab. Zwar gebe es zahlreiche Schutzmechanismen gegen Missbrauch, und deren Überprüfung sowie gegebenenfalls Anpassung sei sinnvoll, „doch die Befugnis auslaufen zu lassen, ist unverantwortlich und gefährlich“. Ohne Section 702 werde man weniger Einblick in Bedrohungen aus Iran, China, Russland und durch Terroristen haben, die es womöglich auf die Fußball-Weltmeisterschaft abgesehen hätten.
Jake Laperruque, stellvertretender Direktor des Security and Surveillance Project beim Center for Democracy and Technology, nannte die Unterbrechung „ein unentschuldbares Versagen der Führung des Kongresses, ein gewaltiges Eigentor“. Das laufende Vorgehen ändere sich nach dem Gesetz zwar nicht, sagte er, doch das Problem müsse angegangen werden. Er warf Regierung und Abgeordneten vor, Abstimmungen über Reformen zu unterdrücken und immer wieder erfolglos eine Verlängerung des Status quo zu verfolgen, obwohl eine starke parteiübergreifende Mehrheit diesen abgelehnt habe.
