Nach der Mitteilung des Department for Science, Innovation and Technology orientiert sich das Vorhaben an dem australischen Modell, das seit vergangenem Dezember gilt. Die britische Regierung kündigt jedoch weitergehende Schutzmechanismen an. So soll es für Unter-16-Jährige zusätzlich Sperren für aus ihrer Sicht schädliche Funktionen wie Livestreaming und die Kommunikation mit Fremden geben. Diese Einschränkungen sollen nicht nur soziale Netzwerke erfassen, sondern auch weitere Onlinedienste, darunter Gaming-Seiten.

Ein zentrales Element des Plans sind strengere Verfahren zur Altersprüfung. Die Regierung spricht von „hochwirksamen“ Methoden zur Altersverifikation, die über die in Australien eingeführten Maßnahmen hinausgehen sollen. Die britische Kommunikationsaufsicht wurde damit beauftragt, ein entsprechendes Konzept zu erarbeiten und der Zentralregierung bis Oktober vorzulegen.

Weitere Schritte sollen im kommenden Monat vorgestellt werden. Laut der Mitteilung gehören dazu mögliche nächtliche Ausgangssperren für die Nutzung sowie verpflichtende Unterbrechungen beim endlosen Scrollen für Jugendliche unter 18 Jahren.

Die Regierung verweist auf eigene Testprogramme und eine öffentliche Konsultation als Grundlage des Vorhabens. Nach ihren Angaben unterstützten neun von zehn der 116.000 befragten Eltern ein Verbot. Starmer erklärte, er habe direkt von Familien gehört, die Veränderungen forderten, und seine Regierung werde ihnen gerecht werden. In einer weiteren Stellungnahme sagte Technologieministerin Liz Kendall, die Tech-Konzerne hätten viele Chancen erhalten, ihre Praktiken zu reformieren, dies aber nicht getan.

Der Blick nach Australien liefert der Debatte zugleich Gegenargumente. Laut einer im März veröffentlichten Studie der australischen eSafety Commissioner hat das dortige Verbot nicht verhindert, dass viele Minderjährige weiter auf den Plattformen aktiv bleiben. Wie die australische Regierung damals mitteilte, berichteten befragte Eltern, dass vor Inkrafttreten des Verbots fast die Hälfte ihrer Kinder ein Konto auf einer regulierten Plattform hatte. Danach lag der Anteil noch immer bei 31,3 Prozent. Mehr als zwei Drittel der australischen Kinder mit weiterhin bestehenden Konten nutzten diese laut Studie, weil die Technikunternehmen sie nicht zur Altersverifikation aufgefordert hatten.

Großbritannien ist nicht das einzige Land mit entsprechenden Plänen. Spaniens Premierminister Pedro Sanchez kündigte im Februar an, seine Regierung werde soziale Netzwerke für Unter-16-Jährige verbieten. Ebenfalls im Februar erklärte die neue Minderheitsregierung in den Niederlanden, sie wolle ein Verbot für Kinder bis 14 Jahre anstreben. In Frankreich arbeiten Abgeordnete an einem Gesetz für ein Verbot unter 15 Jahren. In Malaysia und der Türkei gelten bereits Verbote für Kinder unter 16 beziehungsweise 15 Jahren.

Kritik kommt von Menschenrechts- und Bürgerrechtsorganisationen. Kerry Moscogiuri, Geschäftsführerin von Amnesty International UK, nannte den Ansatz „die richtige Diagnose, aber das falsche Rezept“. Das Problem sei nicht, dass Kinder in sozialen Netzwerken seien, sondern dass die Plattformen „von Grund auf unsicher“ gestaltet worden seien. Auch Joe Jonas, Forschungs- und Analyseleiter beim IAPP, verwies in einer Stellungnahme auf Datenschutzrisiken als wichtigen Faktor der öffentlichen Debatte. Zudem äußerte er Zweifel, ob die politisch geschwächte Regierung Starmer das Vorhaben tatsächlich bis zum Ende durchsetzen kann.