Premierminister Keir Starmer bezeichnete die geplante Regelung als klare Grenzziehung. Die großen Technologiekonzerne hätten ihre Chance gehabt und versagt, nun greife der Staat ein, um Kinder zu schützen, Eltern zu unterstützen und einen neuen Standard für künftige Generationen zu setzen, erklärte er.
Im Fokus stehen nach Angaben der britischen Regierung vor allem Plattformen, auf denen Nutzer direkt miteinander interagieren. Genannt werden Facebook, Instagram, Snapchat, TikTok, X und YouTube. Die Regulierung könnte neben Zugangsbeschränkungen auch Funktionen wie unendliches Scrollen begrenzen und digitale Ausgangssperren für Minderjährige vorsehen. Messenger wie Signal und WhatsApp sollen von den Maßnahmen ausgenommen bleiben.
Großbritannien ist mit dem Vorstoß nicht allein. In Kanada wurde kürzlich ein Gesetzentwurf eingebracht, der den Zugang zu sozialen Medien beschränken und auch für KI-Chatbots für unter 16-Jährige Grenzen setzen würde, sofern Plattformen bestimmte Sicherheitsstandards nicht erfüllen. Australien hat ein solches Verbot bereits umgesetzt; dort gilt seit Dezember 2025 für junge Nutzer ein Ausschluss von Facebook, Instagram, TikTok und YouTube. Auch Regierungschefs mehrerer EU-Staaten, darunter Frankreich, Griechenland und Spanien, haben sich für Sperren beim Zugang von Kindern zu einigen sozialen Netzwerken ausgesprochen.
In der Öffentlichkeit scheint die Richtung laut Umfragen breite Unterstützung zu finden. Einer YouGov-Erhebung zufolge befürworten in Großbritannien 74 Prozent der Erwachsenen ein solches Verbot stark oder zumindest teilweise. Die britische Regierung verweist zudem auf mehr als 116.000 Rückmeldungen im Rahmen einer öffentlichen Konsultation in diesem Jahr; 90 Prozent der Eltern hätten die Pläne unterstützt.
Gleichzeitig ist die Debatte fachlich keineswegs abgeschlossen. Im akademischen Bereich wird weiterhin darüber gestritten, ob soziale Medien jungen Menschen tatsächlich schaden, ob algorithmische Dienste psychische Belastungen verursachen oder ob Menschen mit psychischen Problemen eher zu diesen Angeboten tendieren.
Kritik kommt vor allem von Datenschutz- und Bürgerrechtsseite. Molly Buckley von der Electronic Frontier Foundation (EFF) warnt, solche Verbote instrumentalisierten die Sorgen von Eltern, um ein beispielloses Maß an Überwachung und Zensur zu rechtfertigen. Dadurch würden jungen Menschen Rechte genommen, Online-Anonymität bedroht, besonders sensible personenbezogene Daten dem Risiko von Datenpannen und Missbrauch ausgesetzt und elterliche Entscheidungen durch staatliche Autorität ersetzt.
Wie schwierig die technische Umsetzung ist, zeigt die Frage der Altersprüfung. Jillian Kossman von IDScan.net sagt, es sei ein hartes Problem, das Alter von Nutzern online festzustellen und dabei zugleich ihre Privatsphäre zu schützen. Nach ihrer Einschätzung deuten die pauschalen Verbote in Australien und nun in Großbritannien darauf hin, dass Behörden nicht darauf vertrauen, das Alter von Nutzern präzise zu verifizieren und den Zugang gezielt zu steuern.
Frühe Daten aus Australien werden von Kritikern als Warnsignal gewertet. Sie deuten laut dem Bericht darauf hin, dass das Verbot Kinder lediglich auf andere soziale Netzwerke verdrängt hat. Eine Befragung australischer Eltern und ihrer Kinder ergab zudem, dass weder die Technik zur Altersverifikation noch die Durchsetzung durch Plattformen wirksam waren: Nur etwa 31 Prozent der unter 16-Jährigen wurden per Gesichtsscan überprüft, und nur etwa die Hälfte davon bestand den Test.
Joe Kaufmann von Jumio hält dagegen fest, dass es durchaus Technologien für datenschutzfreundlichere Prüfungen gebe, die das Risiko von Datenpannen bei sensiblen Informationen begrenzen könnten. Entscheidend sei aber, dass die Beteiligten diese Fähigkeiten priorisieren. Die schwierigste Aufgabe sei der Ausgleich zwischen Verlässlichkeit, Abdeckung und Datenschutz. Da viele Minderjährige keine klassischen Ausweisdokumente besitzen, müssten Plattformen Verfahren zur Altersabsicherung anbieten, die zugänglich und verhältnismäßig sind.
