Interpol zieht in seinem Jahresrückblick über Vorfälle der vergangenen zwei Jahre eine klare Bilanz: Online-Betrug prägt die Kriminalitätslage in Asien und im Südpazifik inzwischen maßgeblich. Nach Angaben der Organisation melden mehr als die Hälfte ihrer Mitgliedsländer in der Region, dass Cyberkriminalität für mindestens 30 Prozent aller national registrierten Vorfälle steht. Besonders hervorgehoben werden Scam-Zentren in Kambodscha, Myanmar, Laos und den Philippinen, die laut Interpol schätzungsweise 40 Milliarden US-Dollar jährlich mit Liebes- und Anlagebetrug erwirtschaften.

Amnesty International konzentriert sich in einem investigativen Bericht auf Kambodscha. Die Organisation besuchte nach eigenen Angaben 75 der 86 bestätigten Scam-Zentren und sprach mit Dutzenden Überlebenden solcher Anlagen. Montse Ferrer, Ko-Regionaldirektorin von Amnesty International für Ost- und Südostasien sowie den Pazifik, sagte, die Belege legten nahe, dass kambodschanische Behörden direkt mit den Managern der Anlagen kommunizierten; auf welcher Ebene das geschehe, sei jedoch unklar. Zugleich verwies sie darauf, dass Unternehmen verstehen müssten, dass die Scam-Industrie derzeit in hohem Maß missbräuchlich gegenüber den Menschen sei, die dort oft zur Arbeit gezwungen würden.

Der Bericht von Amnesty stellt das von der kambodschanischen Regierung als „Vorgehen“ bezeichnete Durchgreifen deutlich infrage. Die Organisation zweifelt an den Regierungsangaben, wonach 250 Scam-Zentren geschlossen und mehr als 1.000 Menschen angeklagt worden seien, darunter auch Personen, die gegen ihren Willen festgehalten wurden. Amnesty interviewte 73 Überlebende aus solchen Anlagen; keiner von ihnen sei von den lokalen Behörden als Opfer von Menschenhandel behandelt worden. Stattdessen habe man sie als irreguläre Migranten eingestuft, und in vielen Fällen könnten die Betroffenen Kambodscha nicht verlassen, ohne Geldstrafen zu zahlen.

Nach Einschätzung von Amnesty ist das kambodschanische Vorgehen in zentralen Punkten gescheitert: sowohl bei der Untersuchung und Schließung einiger der bekanntesten Anlagen im Land als auch beim Schutz und der Unterstützung von Menschen, die aus den Zentren entkommen konnten oder aus ihnen entfernt wurden. Ferrer verwies zudem darauf, dass Kambodschas Glücksspielkommission trotz des angeblichen Vorgehens Casino-Pläne für 16 der Scam-Standorte genehmigt habe, teils noch im Dezember 2025 und Januar 2026. Das deute darauf hin, dass die Zerschlagung der kriminellen Unternehmen für die Regierung keine Priorität habe. Die Genehmigung von Plänen für bekannte Scam-Standorte ohne Ermittlungen untergrabe die Darstellung der Regierung klar, sagte Ferrer. Amnesty habe die kambodschanische Regierung einen Monat vor Veröffentlichung des Berichts kontaktiert, aber keine Antwort erhalten.

Internationaler Druck hat nach Angaben des Quelltexts dennoch zu Maßnahmen geführt. China habe begonnen, gegen einige Scam-Zentren vorzugehen, und im Januar den Gründer der Prince Holding Group ausgeliefert, eines internationalen Konglomerats, das mutmaßlich mit Scam-Zentren verbunden ist, sowie in diesem Monat ein weiteres hochrangiges Gruppenmitglied. Die USA hätten Gruppen in Kambodscha, auf den Philippinen und in Burma, auch bekannt als Myanmar, sanktioniert und in Zusammenarbeit mit internationalen Partnern Vermögenswerte von Chen Zhi beschlagnahmt. Dabei seien Kryptowährungen im Wert von mehr als 14 Milliarden US-Dollar sichergestellt worden.

Trotz solcher Erfolge sehen Interpol und Amnesty das kriminelle Ökosystem als anpassungsfähig. Interpol erklärte gegenüber Dark Reading, es gebe keine einfache Einzellösung; besonders schnell wirksam seien der Ausbau operativer Fähigkeiten, grenzüberschreitende Zusammenarbeit und stärkere Partnerschaften. Internationale Kooperation sei wesentlich, weil Cyberkriminalität ihrem Wesen nach grenzüberschreitend sei, funktioniere aber am besten dort, wo Staaten über ausreichende operative Fähigkeiten verfügten.

Zugleich warnt Interpol, dass die Zerschlagung einzelner Standorte nicht ausreicht. In einer nachsichtigen Region einen Standort auszuschalten, führe oft nur dazu, dass andernorts ein neuer entstehe. Es bestehe das Risiko, dass kriminelle Gruppen ihre Aktivitäten schlicht verlagerten oder an anderer Stelle neu aufbauten. Dass Scam-Zentren inzwischen auch in anderen Regionen und auf anderen Kontinenten auftauchten, zeige, dass sich das Modell weiterentwickle und ausbreite. In manchen Fällen gebe es klare Verbindungen zu Organisatoren, Vermittlern oder Opfern in Südostasien; in anderen Fällen übernähmen lokale oder regionale kriminelle Gruppen das Modell und passten es an ihre Umgebung an.

Auch in anderen Ländern gibt es laut Quelltext deutliche Hinweise auf lokale Korruption. Auf den Philippinen habe sich etwa ein chinesischer Staatsangehöriger Berichten zufolge als philippinische Bürgerin ausgegeben, sei Bürgermeisterin einer Kleinstadt geworden und habe gleichzeitig das örtliche Scam-Zentrum betrieben. Parallel beobachtet Interpol, dass die Syndikate ihre Geldwäsche-Strategien schnell verbessern und auf hartnäckigere Betrugsformen setzen. Zudem verfeinerten Ransomware-Gruppen ihre Erpressungstaktiken. Nach Angaben von Interpol beschränkten sich Cyberkriminelle früher meist auf ein oder zwei Erpressungsebenen; inzwischen sei zu beobachten, dass Gruppen auf mehrere Ebenen der Erpressung umstiegen, um den Druck auf Opfer zu erhöhen, Lösegeld zu zahlen.