McGraw grenzt sich heute bewusst von der Bezeichnung Hacker ab, auch wenn er nach eigenen Worten die Denkweise behalten hat. Rückblickend beschreibt er seine erste Begegnung mit Hacking in der Highschool: Ein Freund programmierte im Mathematikunterricht ein Werkzeug und bewegte sich damit durch das Schulnetz in ein geschütztes Dateisystem. Für McGraw war das der Moment, in dem er begriff, dass sich Technik entgegen ihrem vorgesehenen Zweck nutzen lässt und Regeln gebrochen werden können.
Zu Beginn nutzte er nach eigener Aussage vor allem Social Engineering, um als Jugendlicher Zugang zu entfernten Systemen zu erhalten. Später sei daraus eine Haltung geworden, in der das Überschreiten von Grenzen selbst im Mittelpunkt stand. Er sagt, damals habe ihm ein moralischer Maßstab gefehlt. Er habe nicht für Geld gehackt, keine Identitäten oder Daten gestohlen, sondern wegen des Nervenkitzels, auf fremden Systemen mitzufahren. Die Folgen für Betroffene habe er als junger Täter nicht verstanden.
McGraw verbindet diesen Weg auch mit persönlicher Isolation in seiner Kindheit. Er beschreibt fehlende Bindung zu seinen Eltern und das Gefühl, in der Schule nicht dazuzugehören. Zudem bezeichnet er sich selbst als neurodivergent. In Hackerkreisen beobachte er einen hohen Anteil neurodivergenter Menschen; für sich selbst hält er es für wahrscheinlich, dass dies seinen Weg beeinflusst hat. Besonders die Fähigkeit zum Hyperfokus habe ihm geholfen, sich über Tage ohne Schlaf in technische Probleme zu verbeißen und immer größere Ziele zu suchen.
Diesen Mechanismus beschreibt er als eine Art Dopaminspirale: Wer einmal ein großes Ziel trifft, jage das nächste. Bei ihm führte das zu immer riskanteren Aktionen. Zum Zeitpunkt seiner Festnahme führte er als GhostExodus die Gruppe Electronik Tribulation Army, kurz ETA. Zugleich geriet ETA unter Druck durch Anonymous oder Teile davon, die nach McGraws Schilderung ein Mitglied der Gruppe doxten und persönliche Familiendaten wie Sozialversicherungsnummer, Gerichtsunterlagen, Scheidungsdetails und die Adresse veröffentlichten.
Um darauf zu reagieren, wollte ETA ein leistungsfähiges Botnetz aufbauen. McGraw arbeitete damals als Nachtwächter im North Central Medical Plaza in Dallas und verschaffte sich dort nach eigenen Angaben leicht Zugriff auf mehr als 14 einzelne Computer, darunter den HVAC-Rechner des SCADA-Systems. Der Angriff hätte aus seiner Sicht als Insider-Aktion erfolgreich sein können. Entscheidend wurde jedoch ein von ihm produziertes und bei YouTube veröffentlichtes Video, in dem er sein Gesicht zeigte.
Der Sicherheitsforscher Wesley McGrew erkannte laut McGraw in dem Video die Geräte im Hintergrund. McGrew arbeitete damals an seiner Dissertation über SCADA-Systeme, nach McGraws Erinnerung an der Mississippi State University, und verständigte das FBI. Mit Open-Source-Informationen habe McGrew der Behörde geholfen, seine Identität zu deanonymisieren; den Rest habe das FBI übernommen.
Geplant war der Angriff für den 4. Juli 2009, den ETA „Teufelsnacht“ nannte und als Tag der Unabhängigkeit von Regierung und Tyrannei inszenieren wollte. Zur Ausführung kam es nicht: McGraw wurde wenige Tage zuvor festgenommen. 2011 wurde er zu 110 Monaten verurteilt, was mit der Untersuchungshaft nach seiner Darstellung elf Jahren entsprach. Die harte Strafe erklärt er damit, dass nicht nur seine Taten bewertet wurden, sondern auch das potenzielle Schadensausmaß für die medizinische Einrichtung und ihre Patienten.
Heute arbeitet McGraw nach eigenen Angaben ausschließlich mit OSINT. Seine Gruppe konzentriere sich auf Open-Source-Informationen für Online-Kindersicherheit, identifiziere Täter im Netz, melde sie den Behörden und stelle Informationsmaterial für Eltern und Kinder bereit. Statt sich unbefugt Zugang zu verschaffen, sammele er nur Daten aus bereits öffentlich verfügbaren Quellen. Zudem verstehe er sich als Vermittler zwischen der legitimen Sicherheitsbranche und der Untergrundszene und setze sich dafür ein, Angriffe auf industrielle Steuerungssysteme, das Gesundheitswesen und den Bildungssektor zu verhindern.
