Der Druck für ein entschlosseneres Vorgehen ist mit dem landesweiten Anstieg von Betrugsfällen gewachsen. Kritiker bemängeln seit Langem, dass die staatliche Reaktion dem Ausmaß des Problems hinterherhinke. Bereits 2022 forderte der Finanzausschuss des Parlaments “einen grundlegenden Wandel in Philosophie und Praxis” und wies darauf hin, dass auf Betrug rund 40 Prozent der gemeldeten Straftaten entfielen, dafür aber nur etwa 2 Prozent der Polizeimittel bereitstünden.

Auch zur neuen Strategie gibt es Vorbehalte. Bernadette Smith, Leiterin der Betrugsbekämpfung bei der Starling Bank, nannte den Plan “enttäuschend”: Er verpflichte große Plattformen nicht dazu, mehr Verantwortung für Betrug auf ihren Diensten zu übernehmen.

Kernstück der britischen Strategie ist ein neues Online Crime Centre, das die Behörden als “Störungszentrale” beschreiben und das gezielt die Infrastruktur organisierter Betrugsnetzwerke treffen soll. Mit mehr als 30 Millionen Pfund (40,3 Millionen US-Dollar) ausgestattet und für den kommenden Monat geplant, soll die Einrichtung Behörden wie die National Crime Agency und den Geheimdienst GCHQ mit Unternehmen aus dem Finanz-, Telekom- und Technologiesektor zusammenbringen. Über den Datenaustausch sollen Konten, Websites und Telefonnummern krimineller Gruppen identifiziert und in großem Umfang abgeschaltet werden – durch das Blockieren von Betrugs-SMS, das Einfrieren von Konten und das Entfernen betrügerischer Social-Media-Profile.

Jonathan Frost, Director Global Advisory für EMEA bei BioCatch, betonte, der Erfolg hänge davon ab, wie schnell Unternehmen Bedrohungsinformationen austauschen könnten. “Der Austausch von Bedrohungsdaten in Echtzeit ist von Tag eins an Pflicht”, sagte er. “Kriminelle agieren schnell, deshalb müssen Reaktionen automatisiert ablaufen und in Millisekunden erfolgen, nicht in Stunden.”

Nach Angaben der Behörden richtet sich das Zentrum gegen organisierte Banden, die große internationale Betrugsoperationen betreiben. Jordan Wain, Leiter für britische Politik bei Chainalysis, verwies darauf, dass ein Großteil des Betrugs aus dem Ausland stamme: “Da rund 75 Prozent des Betrugs gegen britische Privatpersonen und Unternehmen aus dem Ausland angestoßen oder unterstützt werden, können wir das nicht als lokales Kriminalitätsproblem behandeln – es ist eine grenzüberschreitende Sicherheitsfrage, die koordiniertes, geheimdienstlich gestütztes Handeln verlangt.”

Die Strategie sieht zudem ein nationales System vor, mit dem sich Betrugsanrufe bis Anfang 2028 über Telekommunikationsnetze zurückverfolgen lassen sollen. Ermittler haben oft Mühe, den Ursprung betrügerischer Anrufe zu bestimmen, weil diese über mehrere Anbieter und internetbasierte Sprachdienste laufen und Betrüger häufig Rufnummern fälschen oder Anrufe über ausländische Zwischenstellen leiten.

Das Papier verweist mehrfach auf bestehende Gesetze, die private Unternehmen in die Pflicht nehmen, aber noch nicht vollständig umgesetzt sind. Der Online Safety Act verpflichtet große Technologieplattformen, gegen betrügerische Werbung und Betrugsinhalte vorzugehen; der Economic Crime and Corporate Transparency Act schuf einen Unternehmensstraftatbestand für das Versäumnis, Betrug zu verhindern.

Parallel kündigte die Regierung an, die Unterstützung für Opfer auszubauen – darunter eine für 2027 erwartete Fraud Victims Charter und eine gemeinsame Einheit von Trading Standards und Strafverfolgung, die Betrugsoperationen zerschlagen und gestohlene Vermögenswerte zurückholen soll. Eingebettet ist die Strategie in einen breiteren Trend: In Washington betont ein jüngerer Vorschlag des Weißen Hauses für ein Programm zur Entschädigung von Cyberkriminalitätsopfern ebenfalls das koordinierte Vorgehen von Staat und Privatwirtschaft.