Im Zentrum der von Wiz veröffentlichten Analyse steht die Gremlin-Implementierung von Cosmos DB. Laut technischem Bericht übersetzt die angepasste Gremlin-Engine Abfragen in .NET-Code und führt sie in einer eingeschränkten Umgebung aus. Diese Beschränkungen hätten jedoch .NET-Reflection nicht ausreichend berücksichtigt. So konnten die Forscher nach eigener Darstellung zunächst Primitive zum Lesen und Schreiben von Dateien aufbauen und schließlich beliebige Codeausführung erreichen.

Die öffentlich gemachte Angriffskette setzt nicht den Zugriff auf die Datenbank eines Opfers voraus. Ausgangspunkt war stattdessen eine vom Angreifer kontrollierte Gremlin-Datenbank samt Zugangsdaten für dieses Konto. Die von Microsoft derzeit dokumentierte Verbindungsanleitung verlangt dafür einen Account-Host, die Datenbank, den Graph-Pfad und den Primärschlüssel, bevor ein Client Gremlin-Abfragen absenden kann. Ob darüber hinaus weitere Voraussetzungen nötig waren, hat Wiz bislang nicht veröffentlicht.

Die Codeausführung landete auf einer Komponente, die Wiz „DB Gateway“ nennt. Dieses Gateway verarbeitet Kundenabfragen auf mandantenfähigen Azure-Service-Fabric-Clustern. Die eigentlichen Kundendatenbanken lagen dort laut Bericht nicht, das Gateway konnte jedoch den Primärschlüssel für ein angefordertes Cosmos-DB-Konto abrufen. Nach Microsofts Dokumentation verleiht ein Primärschlüssel eines Cosmos-DB-Kontos vollständige Kontrolle über sämtliche Ressourcen dieses Kontos.

Brisant war laut Wiz vor allem, dass die dem Gateway verfügbaren Anmeldeinformationen auch Zugriff auf einen Signaturschlüssel ermöglichten, den die Forscher „Cosmos Master Key“ tauften. Mit diesem Schlüssel habe sich der Primärschlüssel für jedes Konto über Mandanten, Regionen sowie die APIs SQL, MongoDB, Cassandra und Gremlin hinweg abrufen lassen. Dasselbe Geheimnis öffnete nach Angaben von Wiz zudem eine regionale Datenbank namens „Config Store“. Diese beschreiben die Forscher als Verzeichnis mit Namen von Cosmos-DB-Konten, Abonnement- und Mandantenkennungen, Netzwerkeinstellungen und Tags. Damit habe sich gezielt nach den Konten einer bestimmten Organisation suchen lassen, um anschließend deren Primärschlüssel anzufordern.

Wiz zufolge konnte die Kette auch private und netzwerkisolierte Konten erreichen, weil das kompromittierte Gateway diese Netzgrenzen innerhalb des Dienstes selbst durchsetzte. Die von den Forschern erreichten Schreibrechte auf den Config Store deuteten außerdem darauf hin, dass sich Netzwerkeinstellungen womöglich ebenfalls ändern ließen. Der Bericht sagt allerdings nicht, dass dies gegen das Konto eines anderen Kunden demonstriert wurde.

Microsoft reagierte nach Angaben von Wiz binnen 48 Stunden auf den Bericht aus dem November 2025 und blockierte den verwundbaren Gremlin-Einstiegspunkt. Die längerfristige Korrektur über alle Regionen hinweg sei im Juli 2026 abgeschlossen worden; dabei sei auch der plattformweite Schlüssel beseitigt worden. Ein Microsoft-Sprecher erklärte gegenüber The Hacker News: „Wir schätzen die Arbeit von Wiz bei der Identifizierung und Meldung dieses Problems im Rahmen einer koordinierten Offenlegung von Schwachstellen. Wir haben das Problem vollständig behoben und auf Grundlage unserer Untersuchungen keine Hinweise auf Auswirkungen bei Kunden gefunden. Wir investieren weiterhin in zusätzliche Sicherheitsverbesserungen auf der gesamten Plattform.“

Microsoft teilte außerdem mit, die eigene Überprüfung habe außerhalb der Tests der Forscher keine unbefugten Aktivitäten ergeben. Es seien keine Kundendaten abgerufen worden, und Kunden müssten nichts unternehmen. Offen bleibt laut öffentlicher Darstellung, wann die verwundbare Engine und der Pfad über den Signaturschlüssel in Produktion gelangten und welchen Zeitraum Microsofts Log-Prüfung genau umfasste. Damit bleibt die mögliche Dauer der Gefährdung unbekannt, auch wenn der bekannte Angriffsweg inzwischen geschlossen ist.

Eine CVE-Kennung oder eine Schweregradbewertung nennt die Offenlegung nicht. Technisch ist CosmosEscape laut Bericht von den 2021 und 2022 veröffentlichten Schwachstellen ChaosDB und CosMiss zu unterscheiden, die die Jupyter-Notebook-Funktion von Cosmos DB betrafen. Wiz will die vollständige Angriffskette bei einem Black-Hat-USA-Vortrag am 6. August vorstellen.