Nach Angaben von Interpol erweitert I-GRIP die bestehenden operativen Verbindungen der National Central Bureaus zu Finanzinstituten. Tomonobu Kaya, Direktor des Interpol-Zentrums für Finanzkriminalität und Korruptionsbekämpfung, sagte Dark Reading, Mitgliedstaaten müssten schnell und jederzeit handeln können, um die Wirksamkeit des Stop-Payment-Mechanismus zu maximieren. Diese Rund-um-die-Uhr-Bereitschaft solle sicherstellen, dass Informationen jederzeit sofort zwischen den Mitgliedsländern ausgetauscht werden.

Interpol beschreibt I-GRIP als globales Echtzeitsystem zur grenzüberschreitenden Betrugsabwehr. Bilaterale Vereinbarungen für eine solche Zusammenarbeit gebe es zwar bereits, doch Kaya zufolge liegt der Unterschied darin, Informationen länderübergreifend sofort und rund um die Uhr weitergeben zu können. Ohne diese schnelle Abstimmung könnten Betrüger unrechtmäßig erlangte Gelder in wenigen Minuten weltweit verschieben.

Wie relevant diese Geschwindigkeit ist, zeigt laut Interpol ein früherer Fall aus Südostasien. Im August 2024 führte eine koordinierte Aktion zwischen Singapur und Timor-Leste dazu, dass 40 Millionen US-Dollar abgefangen wurden. Zuvor hatte eine Investmentfirma eine gefälschte Aufforderung erhalten, die Bankverbindung eines Lieferanten zu aktualisieren. I-GRIP half dabei, die Überweisung zu stoppen, obwohl der Vorfall erst vier Tage nach Einleitung der Transaktion gemeldet worden war.

Der Hintergrund ist ein stark wachsender Markt für grenzüberschreitenden Betrug. Im Quellbericht heißt es, dass die Verluste von Privatpersonen und die Gewinne transnationaler krimineller Organisationen in den vergangenen fünf Jahren stark gestiegen sind. 2025 hätten transnationale kriminelle Organisationen in Südostasien Schäden von rund 100 Milliarden US-Dollar verursacht; die Schätzungen lägen zwischen 88 und 114 Milliarden US-Dollar. Ein großer Teil entfalle auf direkte Kosten für Opfer, deren Geld über legale und illegale Zahlungswege transferiert werde.

Eric Jardine, Forschungschef bei Chainalysis, betont, dass Betrugsfälle heute regelmäßig mehrere Rechtsräume durchqueren. Das Opfer könne sich in einem Land befinden, das Empfängerkonto in einem anderen, das Geldwäschenetzwerk in einem dritten und die Betreiber des Betrugs ganz woanders. Ein Mechanismus, der die Zeit zwischen Erkennung und Eingriff verkürze, könne die Erfolgsaussichten daher deutlich verbessern. Der wichtigste Faktor sei die Reaktionszeit; Opfer bräuchten klare Meldewege, und Institutionen müssten Verdachtsfälle sofort eskalieren können.

Jardine hält ein mehrschichtiges Modell für am wirksamsten: schnelle Benachrichtigungskanäle, belastbare Partnerschaften zwischen öffentlichem und privatem Sektor, bessere institutionelle Ansprechpartner und Technik, die verdächtige Zielkonten zuverlässiger erkennt. Gerade weil Betrugsschemata Konten in verschiedenen Ländern sowie Zahlungswege außerhalb klassischer Banken nutzten, sei das schnelle Stoppen von Transaktionen entscheidend.

Schwieriger wird es laut Chainalysis bei Kryptowährungen, weil diese oft nicht durch traditionelle Banken oder Finanzinstitute laufen. Sobald gestohlene Kryptowerte in Bargeld umgewandelt würden, sänken die Chancen auf Wiederbeschaffung meist stark. Gleichzeitig verweist Jardine auf einen Vorteil für Ermittler: Blockchain-Transaktionen hinterlassen eine dauerhafte Spur. Mit den richtigen Werkzeugen ließen sich Geldflüsse nachverfolgen, Muster über mehrere Opfer hinweg erkennen und häufig auch größere kriminelle Netzwerke sichtbar machen.

Interpol will deshalb auch Kryptotransaktionen stärker in den Blick nehmen. Kaya zufolge sollen die National Central Bureaus der Mitgliedstaaten mit Anbietern virtueller Vermögenswerte verknüpft werden. Ziel ist, dass Betrugswarnungen Kryptobörsen ebenso schnell erreichen wie Banken.