Nach russischem Recht hat die Aufnahme in das Register für Terroristen und Extremisten erhebliche finanzielle Folgen: Vermögen können eingefroren werden, der Zugang zu Bankdienstleistungen wird eingeschränkt, und Betroffene geraten unter stärkere Beobachtung der Behörden. Sichtbare Auswirkungen auf Telegram als Dienst gibt es bislang jedoch kaum.

Der Messenger bleibt in Russland zugänglich, obwohl Behörden seit Jahren mit einer Sperrung drohen. Zudem veröffentlichen russische Staatsinstitutionen weiterhin täglich Inhalte über offizielle Telegram-Kanäle, darunter die Zentralbank, das Verteidigungsministerium und das Außenministerium.

Die unmittelbarsten Konsequenzen treffen stattdessen Unternehmen, die gesetzliche Vorgaben im Umgang mit gelisteten Personen einhalten wollen. Die russische E-Book- und Hörbuchplattform LitRes hat die beiden Durov-Biografien „Der Durov-Code“ und „Der Durov-Code 2“ aus dem Verkauf genommen. Die Onlinehändler Wildberries und Ozon erklärten der staatlichen Nachrichtenagentur TASS, sie überprüften Produkte mit Bezug zu Durov nach dessen Aufnahme in die schwarze Liste.

Ozon teilte mit, Bücher und Fanartikel mit Durov-Bezug aus seinem Marktplatz entfernen zu wollen. Das Unternehmen verwies auf russische Vorschriften, nach denen Firmen Materialien prüfen und deren Verkauf blockieren müssen, wenn sie mit als Terroristen oder Extremisten eingestuften Personen in Verbindung stehen.

Auch andere Angebote wurden angepasst. Die Technikpublikation Durov’s Code, die ursprünglich über Telegram und Durovs Projekte berichtete, tritt nun unter dem Namen Kod.ru auf. Die Redaktion erklärte, die Umbenennung sei bereits seit einiger Zeit erwogen worden, weil das Themenfeld breiter geworden sei; die jüngsten Ereignisse hätten den Schritt jedoch beschleunigt.

Der Streamingdienst Kion strich zudem den Dokumentarfilm „Durov“ aus dem Jahr 2021 aus seinem Katalog. Die Moskauer Fruchtbarkeitsklinik AltraVita, die In-vitro-Fertilisation mit von Durov gespendetem Sperma anbietet, ergänzte auf ihrer Website einen Hinweis auf seine Aufnahme in das russische Terror- und Extremistenregister. Der Klinikdirektor sagte russischen Medien, ein Ende der Vereinbarung mit Durov sei nicht ausgeschlossen.

Gleichzeitig können Nutzer Telegram weiterhin legal verwenden und auch Telegram-Premium-Abonnements bezahlen. Nach Angaben der russischen Finanzaufsicht Rosfinmonitoring gelten die Beschränkungen für Durov als Person, nicht für Telegram als Unternehmen.

Durov selbst reagierte auf Telegram mit scharfer Kritik. Er schrieb, ihm sei es nach russischem Recht untersagt, Informationen im Internet zu veröffentlichen, und spottete, russische Beamte hätten offenbar verwechselt, wer hier wen aus dem Internet verbieten könne. Außerdem veröffentlichte er ein Meme mit einem als „Terrorist“ beschrifteten Bild von sich neben einem Foto des russischen Außenministers Sergej Lawrow beim Händedruck mit Taliban-Vertretern, versehen mit der Beschriftung „respektierte Partner“.

Parallel wächst der regulatorische Druck auf Telegram auch außerhalb Russlands. Am Dienstag entfernte Apple die App nach einem Hinweis auf Darstellungen sexualisierter Gewalt gegen Kinder kurzzeitig weltweit aus dem App Store. Nach Angaben im Quelltext kehrte Telegram zurück, nachdem die Inhalte entfernt und das betroffene Konto gesperrt worden waren. Im April leitete die britische Aufsicht für Online-Sicherheit zudem eine Untersuchung gegen Telegram ein. Telegram erklärte dazu, die öffentliche Verbreitung solchen Materials durch automatisierte Erkennungssysteme und die Zusammenarbeit mit Nichtregierungsorganisationen „nahezu beseitigt“ zu haben.

Auch in Frankreich laufen Ermittlungen gegen Durov wegen Vorwürfen, Telegram habe die Verbreitung von Darstellungen sexualisierter Gewalt gegen Kinder, Drogenhandel, Betrug und andere organisierte Kriminalität erleichtert. Durov bestreitet Fehlverhalten und bezeichnete seine Festnahme in Frankreich als „absurd“, bevor er im März nach Dubai zurückkehrte. Laut von TASS befragten russischen Juristen ist eine Auslieferung durch Frankreich oder die Vereinigten Arabischen Emirate trotz der Moskauer Pläne sehr unwahrscheinlich, weil Durov die Staatsbürgerschaft beider Länder besitzt.