Hockenhull ist vor allem mit einer ungewöhnlichen Entscheidung in Erinnerung geblieben: Als Chef von Defence Intelligence ließ er veröffentlichen, was London über Russlands Angriffspläne gegen die Ukraine wusste, einschließlich einer Karte der geplanten Vormarschachsen. Nach seiner Darstellung stand hinter dem Schritt die Absicht, russischen Falschdarstellungen zuvorzukommen. Als er die Freigabe vorgeschlagen habe, habe in der Regierung fast niemand die Idee für gut gehalten. Unterstützung bekam er nach eigener Aussage nur von dem damaligen Verteidigungsminister Ben Wallace.

Die Veröffentlichung war laut Hockenhull kein isolierter Vorgang. Nachdem am 17. Februar 2022 erstmals öffentlich Details des russischen Invasionsplans erschienen waren, sei ein eigenes Team aufgebaut worden. Dieses habe klassifizierte Produkte darauf geprüft, was sich veröffentlichen lasse, ohne Quellen und Methoden zu gefährden oder dem Gegner Vorteile zu verschaffen. Hockenhull betont zugleich, dass die öffentlichen Mitteilungen nur ein Teil eines deutlich breiteren Ansatzes gewesen seien; Großbritannien habe auch umfangreiche Informationen mit der Ukraine geteilt, um ihr wirksames Handeln zu erleichtern.

Die Zielgruppe dieser Offenlegung war laut Hockenhull nicht nur Moskau. Anfangs habe man vor allem die britische Öffentlichkeit darauf vorbereiten wollen, dass in Europa ein Krieg bevorstehe und dass Russland mit Lärm, Täuschung und Vorwänden arbeiten werde. Zugleich sollte die Botschaft an Russland lauten: Wir wissen, was ihr tut. Für Hockenhull war das keine psychologische Operation, sondern der Versuch, mit wahrheitsgemäßen Informationen russischen Falschbehauptungen zuvorzukommen.

Aus dieser Erfahrung leitet er eine breitere Kritik an der Abschreckungslogik ab. Staaten griffen aus seiner Sicht noch zu oft auf Denkmuster aus den 1950er Jahren zurück. Die modernere Frage sei, was es für einen Gegner bedeute, zu wissen, dass man ihn sehen könne. Gerade im Cyberraum sei das zentral, weil Fähigkeiten dort nicht dauerhaft lagerfähig seien. Werkzeuge funktionierten eher wie Lego-Bausteine: Sie würden für ein bestimmtes Ziel, eine bestimmte Technik und einen bestimmten Moment zusammengesetzt. Was heute wirke, könne morgen schon wertlos sein.

Darum plädiert Hockenhull für ein dauerhaftes Kampagnenmodell. Cyberoperationen müssten fortlaufend Zugänge aufbauen, Netzwerke verstehen und sich an Veränderungen anpassen. Alleinstehende Cyberkampagnen hält er zwar für potenziell wirkungsvoll, bezweifelt aber, dass sie ohne Einbettung in breitere staatliche Strategien zu entsprechend großen Ergebnissen führten. Er verweist in diesem Zusammenhang auch auf die National Cyber Force, die 2020 geschaffen wurde und Fähigkeiten aus Militär, Sicherheits- und Nachrichtendiensten bündelt. Die Organisation sei bewusst als gemeinsames Konstrukt unter Führung des Ministry of Defence und von GCHQ aufgebaut worden, mit dem Secret Intelligence Service und weiteren Partnern.

Offensive Cyberfähigkeiten seien traditionell eng mit der Nachrichtendienstwelt verbunden, weil für Entwicklung und Einsatz Aufklärung nötig sei. Das mache sie naturgemäß verdeckt. Dennoch gebe es Situationen, in denen ein Gegner wissen solle, was man könne oder wer hinter einer Störung stecke. Das müsse nicht immer öffentlich geschehen; eine Botschaft über diplomatische oder nachrichtendienstliche Kanäle könne genügen. Gleichzeitig weist Hockenhull auf den Zielkonflikt hin: Wer zu demonstrativ vorgehe, verliere womöglich die ausgenutzte Schwachstelle, weil der Gegner sie schließe.

Besonders nachdrücklich argumentiert Hockenhull für eine breitere öffentliche Debatte. Fast alles, was der Staat über Bedrohungen wisse, bleibe klassifiziert. Damit verlange er von den Menschen, Gegenmaßnahmen zu finanzieren, ohne die Belege sehen zu können. Aus seiner Sicht reicht es nicht, nur allgemein vor Krieg zu warnen. Wenn höhere Verteidigungsausgaben zulasten anderer Bereiche wie Bildung oder Gesundheitsversorgung gingen, müsse diese Bedrohungslage nachvollziehbar erklärt werden.

Seine zentrale Warnung lautet, dass ein künftiger Konflikt Großbritannien nicht aus der Distanz treffen werde. Sicher sei schon jetzt, dass es Angriffe im Cyber- und Informationsraum geben werde. Hockenhull nennt Sabotage, Spionage, Attentate, Angriffe auf Untersee-Glasfaserkabel oder Auseinandersetzungen im Weltraum als mögliche Entwicklungen, noch bevor etwas beginne, das einem großen Krieg ähnele. Falls es zu einem Konflikt komme, werde er nicht irgendwo anders stattfinden, sondern im eigenen Land.