Im Zentrum von Hubers Vortrag stand ProKYC, ein schlüsselfertiges Werkzeug zum Umgehen von KYC-Prüfungen, das laut ihm von nigerianischen Betrugsringen genutzt wird. Das Kit soll Verfahren zur Kundenaufnahme mit Ausweisdokument und Selfie aushebeln, indem es überzeugende gefälschte Ausweise und Deepfake-Videos für die Lebenderkennung erzeugt. Huber demonstrierte zunächst eine ältere Version, die aus einem beliebigen Foto eine nicht existierende Person erstellt und dabei gestohlene personenbezogene Daten verwendet. In seiner Vorführung erzeugte das System unter anderem ein glaubwürdiges Passdokument sowie ein Video, in dem die Person den Kopf bewegt, um die Lebenderkennung zu bestehen.

Neuere Versionen, die laut Huber über Telegram-Kanäle verkauft werden, gehen deutlich weiter. Sie bieten gezielt angepasste Abläufe für eine breite Liste von Zielen aus dem Bereich Kryptobörsen und Fintechs und können die Prüfschritte des jeweiligen Anbieters automatisch nachvollziehen. Eine auffällige Funktion ist die automatische Erzeugung von Selfies mit Ausweis, also Bildern, auf denen eine Person ein angeblich zuvor hochgeladenes Ausweisdokument in der Hand hält. Um glaubwürdiger zu wirken, fügt das System Hintergründe wie Schreibtisch, Tastatur oder Tisch hinzu.

Hinzu kommt die automatische Einbettung ortsspezifischer EXIF-Metadaten in gefälschte Bilder, um Herkunftsprüfungen zu umgehen. Ein in Nigeria erzeugtes Bild kann so etwa als in Sydney aufgenommen erscheinen. Auch für Videos zur Lebenderkennung ist die neue ProKYC-Version laut Huber auf spezifische Anforderungen einzelner Ziele ausgelegt. In einem gezeigten Beispiel verlangte eine Kryptobörse, dass sich eine Person spontan mit dem Smartphone beim Bewegen filmt. Das Werkzeug emulierte mit KI den Eindruck einer in Echtzeit aufgenommenen Sequenz. Nach Hubers Darstellung weiß das System, worauf der jeweilige Anbieter achtet, und liefert die passenden Inhalte selbstständig.

Ein wesentlicher Unterschied zu früher ist für Huber die zunehmende Automatisierung. Wo bislang oft Menschen das Timing und das Nachreichen einzelner Verifikationsschritte koordinieren mussten, übernimmt das nun die KI. Das beschleunigt den Prozess und senkt den manuellen Aufwand erheblich. Laut Interpol reichen die Folgen über direkte Schäden bei Finanzinstituten hinaus: In Teilen Afrikas würden terroristische Gruppen Betrugsmodelle, insbesondere kryptobasierte Maschen, als Finanzierungsquelle nutzen.

Huber verwies zudem auf Betrugszentren in Südostasien, in denen Opfer von Menschenhandel zu unterschiedlichen Betrugsformen gezwungen würden und tägliche Quoten erfüllen müssten. KI verändere die Lage dort grundlegend, weil sie sowohl die Zahl potenzieller Opfer erhöhe als auch den Schulungsbedarf für neu verschleppte Arbeitskräfte reduziere. Huber sagte, Anlagen in Ländern wie Kambodscha und Myanmar könnten Tausende Menschen festhalten, die als Zwangsarbeiter in einer milliardenschweren Betrugsindustrie eingesetzt würden.

Zu den neueren Werkzeugen zählt laut Huber auch Software zum Gesichtswechsel in Live-Videos. Anders als klassische Deepfakes, die aus einem Bild ein Video machen, geht es hier darum, dass ein Täter in einer laufenden Videoverbindung als andere Person erscheint. Huber zeigte dazu ein reales Beispiel mit einem Deepfake der Schauspielerin und Komikerin Milana Vayntrub. Solche Prominenten-Imitationen seien in Liebesbetrugsmaschen nicht ungewöhnlich. Außerdem beobachtete er KI-Übersetzungswerkzeuge, die an soziale Medien angebunden werden und Antworten für Täter generieren, sowie CRM-Plattformen mit KI-Unterstützung, die Gesprächsverläufe, Kontaktwege und Persönlichkeitsmerkmale von Opfern erfassen.

Interpol erklärte im März, dass KI-gestützter Betrug durch kostengünstige digitale Werkzeuge und stärkere globale Zusammenarbeit unter Kriminellen industrialisiert werde. Generalsekretär Valdecy Urquiza sagte, die Kosten von Finanzkriminalität bestünden nicht nur aus Geld, sondern auch aus den Ersparnissen der Menschen, ihrer Würde und im schlimmsten Fall ihrem Leben. Kriminelle Netzwerke arbeiteten laut Interpol zunehmend mit spezialisierten Geldwäschegruppen zusammen, tauschten Wissen und Technik aus und skalierten ihre Operationen global; örtliche Behörden würden dabei oft bestochen, wegzusehen.