Die brasilianische Datenschutzbehörde ANPD sieht nach eigenen Angaben „belastbare Belege“ dafür, dass Discord keine angemessenen Schritte unternommen habe, um Kinder und Jugendliche vor schädlichen Inhalten zu schützen. Besonders im Fokus stehen Inhalte, die Gewalt, Selbstverletzung oder Suizid fördern oder erleichtern. Ziel der Anordnung sei es, „das Risiko schwerer oder irreparabler Schäden zu verringern, denen Kinder und Jugendliche ausgesetzt sind“, teilte die Behörde mit.

Auslöser der Maßnahme war ein Fall aus dem Juli: Nach Angaben der Behörden wurde eine 13-Jährige in Zentralwestbrasilien während eines etwa 45 Minuten langen Livestreams auf Discord zur Selbstschädigung ermutigt und starb später. Im Zusammenhang mit dem Fall wurden fünf Jugendliche festgenommen. Die Polizei griff außerdem in einem weiteren Fall ein, in dem ein Mädchen während einer Online-Übertragung dabei war, sich auf einen Suizid vorzubereiten.

Die Ermittlungen führten laut Behörden zudem zu Gruppen von Jugendlichen, die Online-Communitys, darunter Telegram, genutzt haben sollen, um neonazistisches, antisemitisches und misogynes Material zu verbreiten, Mitglieder anzuwerben und Gewalttaten zu besprechen. Brasiliens nationaler Sekretär für digitale Rechte, Victor Fernandes, sagte, Discord und Telegram hätten Regeln verletzt, die Frauen und Kinder im Internet schützen sollen. „Auf Discord wurde ein Suizid in einem Umfeld mit Jugendlichen live übertragen“, sagte Fernandes. „Das Material blieb verfügbar und brauchte einige Zeit, bis es entfernt wurde.“ Anschließend hätten die Behörden die Plattformen angewiesen, das Material zu löschen, und Schritte unternommen, die Server zu sperren, auf denen es verbreitet worden sei.

Die ANPD betont, dass Discord in Brasilien nicht insgesamt blockiert wird. Die Anordnung betrifft ausschließlich Go Live, mit dem Nutzer Videos an andere übertragen können. Nach Darstellung der Behörde erschwert gerade die technische Ausgestaltung von Discord die Missbrauchsbekämpfung bei Livestreams, weil das Unternehmen während der Übertragung keinen Zugriff auf die Videoinhalte habe. Das begrenze die Möglichkeit, schädliche Inhalte automatisch in Echtzeit zu erkennen. Stattdessen sei Discord weitgehend auf automatisierte Systeme und Meldungen von Nutzern auf einzelnen Servern angewiesen.

Kritik üben die Behörden auch an Discords Entscheidung, Go Live im März mit Ende-zu-Ende-Verschlüsselung auszustatten. Nach Einschätzung der ANPD habe diese Änderung die Möglichkeiten des Unternehmens weiter eingeschränkt, schädliche Aktivitäten im Moment ihres Geschehens zu erkennen. Die vorhandenen Schutzmechanismen griffen entweder erst, nachdem bereits Schaden entstanden sei, oder hätten von vornherein nur begrenzte Wirkung gezeigt.

Die Sperre bleibt bestehen, bis Discord nachweist, dass wirksame Maßnahmen gegen die von den Aufsehern identifizierten Risiken eingeführt wurden. Für den vollständigen Nachweis der Umsetzung der Aussetzung in ganz Brasilien hat das Unternehmen drei Geschäftstage Zeit. Gegenüber dem brasilianischen Nachrichtenportal UOL bestätigte Discord den Eingang der Anordnung und erklärte, man prüfe sie. Die Beschreibung der eigenen Sicherheitspraktiken durch die Behörde „spiegele weder die Plattform noch die Investitionen in die Sicherheit der Nutzer wider“. Die Entscheidung zur Aussetzung der Livestreams in Brasilien bezeichnete das Unternehmen außerdem als „verfrüht“.

Parallel prüfen die brasilianischen Behörden, ob Discord über angemessene Systeme zur Altersverifikation verfügt und ob das Unternehmen verbotene Inhalte nicht entfernt oder Verstöße nicht ordnungsgemäß an die Behörden gemeldet hat. Die ANPD stellte zusätzliche Auflagen im weiteren Verlauf des Verfahrens in Aussicht. Sollten Verstöße bestätigt werden, drohen laut Behörde Geldbußen von bis zu 50 Millionen brasilianischen Reais, umgerechnet etwa 10 Millionen US-Dollar, pro Verstoß.

Die Maßnahme erfolgt vor dem Hintergrund einer breiteren Debatte über Discords Schutz jüngerer Nutzer. Eine aktuelle Analyse der brasilianischen Digitalrechtsorganisation SaferNet auf Basis von Discords eigenen Offenlegungen an die Europäische Union kam zu dem Ergebnis, dass der Schutz von Kindern und Jugendlichen historisch einen großen Anteil an den von dem Unternehmen gemeldeten Moderationsentscheidungen in Europa ausmachte. Auch bei SaferNet Brasil sind die Meldungen mit Bezug zu Discord seit 2024 deutlich gestiegen. Die Organisation erklärte, sie habe allein in den ersten sieben Monaten des Jahres 2026 insgesamt 406 Meldungen zur Plattform erhalten.

Discord hat nach eigenen Angaben weltweit mehr als 90 Millionen Nutzer und ist besonders bei Spielern beliebt. Üblicherweise müssen Nutzer mindestens 13 Jahre alt sein. Einschränkungen gab es bereits anderswo: Russland und die Türkei blockierten Discord 2024. Behörden in beiden Ländern warfen dem Unternehmen vor, illegale Inhalte nicht ausreichend zu kontrollieren. Russische Regulierer erklärten, Discord werde für extremistische und terroristische Aktivitäten, Rekrutierung und Drogenhandel genutzt. Türkische Behörden verwiesen bei ihrer Sperre auf Vorwürfe im Zusammenhang mit Kindesmissbrauch, Erpressung und Online-Belästigung.