Miller sagt, heute habe praktisch jede Ermittlung einen Cyber-Anteil. Entsprechend müssten Polizisten und andere Behördenvertreter die Grundlagen beherrschen, um digitale Beweise zu sichern. Das sei jedoch schwierig, weil Budgets begrenzt seien, Ressourcen unter Druck stünden und andere Prioritäten oft Vorrang hätten.

Als wichtiges Angebot nennt Miller das National Computer Forensics Institute (NCFI), das Schulungen für Strafverfolgungsbehörden auf Ebene der Bundesstaaten und Kommunen sowie für Staatsanwälte und Richter anbietet. Das eigentliche Problem beginne aber nach dem Einstieg: Zwar würden Ausstattung und Programme anfangs teils finanziert, doch nach fünf oder sechs Jahren lägen Modernisierung und Folgekosten oft bei den Polizeibehörden selbst. Diese Ausgaben würden viele erst spät einholen.

Wie sich die Arbeit verändert hat, beschreibt Miller mit Blick auf den Einsatzalltag: Früher habe ein Polizist seine Berichte an einen Ermittler übergeben, der dann weiterarbeitete. Heute seien Polizeibeamte viel häufiger selbst die ersten am Tatort und müssten kritische Beweise unmittelbar sichern. Deshalb habe sich die NCFI-Ausbildung, an der Miller von 2019 bis 2022 beteiligt war, unter anderem darauf konzentriert, Beweismittel in signalblockierenden Faraday-Taschen zu sichern und flüchtige Daten aus dem Arbeitsspeicher von Computern zu erfassen. Wenn ein Rechner vorschnell ausgeschaltet werde, könnten entscheidende Spuren verloren gehen.

Die Kosten reichen dabei weit über größere Technikbeschaffungen hinaus. Schon Faraday-Taschen könnten laut Miller mehrere hundert Dollar kosten. Hinzu kämen ständig neue Ausgaben, wenn eine Behörde Cyber-Fähigkeiten aufbauen oder eine cyberbewusste Organisation schaffen wolle. Dazu zählten Speicherlasten für Daten und die Frage, ob gekaufte Geräte womöglich bereits kompromittiert seien – wie im Beispiel der Bodycams aus Texas.

Cynthia Kaiser, Senior Vice President des Ransomware-Forschungszentrums von Halcyon und frühere stellvertretende FBI-Direktorin für Cyberfragen, sieht neben Geld vor allem die fehlende Fokussierung als Hürde. Strafverfolgungsbehörden bräuchten nicht nur Mittel für Schulungen, sondern auch politische Entscheidungsträger, die das Thema zur Priorität machten und entsprechende Maßnahmen durch das System brächten. Ohne Rückhalt in der Führung sei Fortschritt schwer.

Kaiser warnt zugleich vor einer Überlastung bestehender Strukturen. Auf lokaler Ebene sei es verbreitet, Fälle an das FBI weiterzureichen, wenn technisch geschultes Personal fehle. Das sei kein tragfähiges Modell. Das Internet Crime Complaint Center erhalte rund 3.000 oder mehr Hinweise pro Tag, was es dem FBI erschwere, mit allen potenziellen und tatsächlichen Bedrohungen Schritt zu halten. Nach Kaisers Einschätzung bleiben dadurch viele Betroffene ohne wirksame Hilfe.

Sie plädiert dafür, Cyber-Schulungen in die FBI National Academy aufzunehmen, die von unterschiedlichen Bereichen der Strafverfolgung, darunter auch Sheriffs, stark frequentiert werde. Dafür müsse das Training nicht hochkomplex sein; zunächst gehe es darum, mit zusätzlicher Finanzierung überhaupt die Grundlagen zu vermitteln. Es gehe nicht darum, Staaten wie China abzuwehren, sondern digitale Beweise etwa bei Betrugsfällen nachvollziehen zu können.

Auch Cooper A. Maher, Assistenzprofessor an der School of Criminal Justice der Michigan State University, hält den Mangel an qualifizierten Experten für ein zentrales Problem. Wegen der ständigen Veränderungen in der Cyberkriminalität sei es schwierig, genügend Fachleute für eine praxisnahe Ausbildung zu finden. Zugleich müsse sich der Inhalt der Schulungen stärker an den Bedürfnissen der Beamten orientieren, die auf Cyberdelikte reagieren.

Maher verweist darauf, dass viele Trainingsprogramme stark auf Internetverbrechen gegen Kinder ausgerichtet seien. So wichtig dieses Feld sei, die Ausbildung müsse darüber hinaus auf Online-Betrug, Identitätsvortäuschung und Cyberstalking ausgeweitet werden. Den größten Bedarf sieht er bei Einsatzkräften auf lokaler Ebene, weil dort die Zahl der Fälle und der Umgang mit digitalen Beweisen besonders zunehme. Wie Kaiser befürwortet er, lokalen Ersthelfern mehr Werkzeuge an die Hand zu geben, um spezialisierte Ermittler zu entlasten.

Seine Empfehlung beginnt bereits in der Grundausbildung: Cyber-Themen sollten in den Polizeiakademien verankert werden. Weil diese Ausbildung Voraussetzung für den Dienst als vereidigter Beamter sei, biete sie eine gute Gelegenheit, allen Polizisten Fähigkeiten für den Umgang mit Cyberkriminalität zu vermitteln. Zugleich dürfe die Schulung dort nicht enden, sondern müsse als fortlaufender Prozess angelegt sein, der die fortlaufende Entwicklung der Cyberkriminalität widerspiegelt.