In ihrem Schreiben werfen die Senatoren TikTok vor, „wissentlich eine kritische Sicherheitsmaßnahme für Millionen amerikanischer Nutzer — darunter Kinder — zurückgehalten zu haben, um festzustellen, ob der Schutz der Nutzer das finanzielle Ergebnis beeinträchtigen würde“. Das Schreiben stammt von Marsha Blackburn aus Tennessee und Richard Blumenthal aus Connecticut.
Grundlage der Vorwürfe ist ein interner Bericht, über den Bloomberg in diesem Monat berichtete. Darin wurde die Aktivität des Kontos von Chase Nasca untersucht. Der 16-Jährige hatte in den zwei Wochen vor seinem Tod mehr als 7.500 Videos angesehen. Laut der Unternehmensauswertung behandelten 73 Prozent davon Traurigkeit oder persönliche Probleme, weitere 10 Prozent verstießen gegen die eigenen Regeln des Unternehmens zur Normalisierung von Suizid oder Selbstverletzung.
Besonders brisant ist die Passage aus der internen Überprüfung, wonach TikToks Strategien zur Verhinderung von Filterblasen „bei diesem Nutzer absichtlich nicht wirksam wurden“. Dem Dokument zufolge war Nasca Teil einer Kontrollgruppe von etwa 10 Prozent der Plattformnutzer. Für diese Nutzergruppe wurden algorithmische Änderungen, die wiederholte Konfrontation mit schädlichen Inhalten begrenzen sollten, nicht aktiviert.
Auf Fragen zu dem Dokument erklärte TikTok gegenüber Bloomberg, das Unternehmen investiere weiterhin erheblich in Trust & Safety, einschließlich robuster Erkennungssysteme und spezialisierter Teams, die Inhalte proaktiv entfernen, wenn sie gegen die Community-Richtlinien verstoßen. Auf eine Anfrage von Recorded Future News reagierte TikTok zunächst nicht.
Die Senatoren verlangen von TikTok bis zum 1. September Antworten auf eine Reihe von Fragen zu den von ihnen als „Experimente“ bezeichneten Vorgängen. Dabei geht es um A/B-Tests, bei denen Sicherheitsfunktionen für bestimmte Nutzer deaktiviert worden sein sollen. Außerdem fordern sie die Veröffentlichung des vollständigen Berichts zu Nascas Tod und wollen wissen, warum Minderjährige in Kontrollgruppen aufgenommen wurden.
Blackburn und Blumenthal verweisen in ihrem Brief zudem auf den Kids Online Safety Act. Der Gesetzentwurf hat am 5. August den Handelsausschuss des Senats passiert. Nach Auffassung der Senatoren würde das Gesetz genau die Art von Verhalten adressieren, die durch die aktuellen Enthüllungen sichtbar werde: Plattformen gestalteten Produkte und Algorithmen so, dass Abhängigkeit maximiert werde, während Kinder die Folgen trügen. Trotz des Fortschritts gilt es jedoch als unwahrscheinlich, dass das Gesetz in dieser Legislaturperiode noch verabschiedet wird, weil weiter Streit über rechtliche Pflichten von Unternehmen besteht, vorhersehbaren Schaden zu verhindern.
Die Auseinandersetzung um TikTok fällt zudem mit einem stark beachteten Prozess in dieser Woche gegen Meta zusammen, den Mutterkonzern von Facebook und Instagram. Vier Generalstaatsanwälte von US-Bundesstaaten werfen dem Unternehmen dort vor, seine Produkte absichtlich so gestaltet zu haben, dass sie Minderjährige abhängig machen.
