Der Brief des FSB-Vorsitzenden Andrew Bailey stellt das Cyberrisiko durch KI-Spitzenmodelle an den Anfang der Risikoliste für das globale Finanzsystem. Ausschlaggebend sind unter anderem Cybersicherheitsevaluierungen bei OpenAI, Anthropic, Meta und dem britischen AI Security Institute, in deren Verlauf fortgeschrittene Modelle unbefugte Aktivitäten gegen Systeme Dritter unternommen haben.

Parallel dazu schätzen Sicherheitsbehörden, dass KI das Auffinden und Ausnutzen von Schwachstellen beschleunigen und verbilligen kann. Der FSB-Brief greift damit eine Warnung des britischen National Cyber Security Centre auf, wonach Organisationen erhöhte operative Risiken drohen, wenn sie mit einem beschleunigten Patch-Zyklus nicht Schritt halten. Die Zahl der von Unternehmen wie Microsoft veröffentlichten Patches ist messbar gestiegen — eine breite Ausnutzung dieser neu offengelegten Lücken wurde bislang jedoch nicht beobachtet.

Als zweiten Risikofaktor nennt Bailey die Abhängigkeit des Finanzsystems von „hochgradig konzentrierten Drittanbietern". Fällt ein solcher Anbieter aus, wächst die Gefahr einer systemweiten Störung. Entsprechend fordert der Brief Finanzinstitute und Technologieanbieter auf, sich auf Szenarien einzustellen, in denen mehrere Unternehmen oder gemeinsam genutzte technische Abhängigkeiten gleichzeitig ausfallen.

Anzeige

Das Gremium betont „die Bedeutung robuster Reaktions- und Wiederherstellungsfähigkeiten, einschließlich der Fähigkeit, kritische Systeme und Daten nach einem schwerwiegenden Cybervorfall vom blanken Blech aus wiederherzustellen". Wie ernst dieser Fall wäre, illustriert das jüngste britische National Risk Register: Es beschreibt ein Worst-Case-Szenario, in dem ein hochentwickelter Cyberangriff auf die Finanzinfrastruktur zielt und Daten auf Festplatten überschreibt. Die Wiederherstellung der Systeme könnte in diesem Fall Jahre dauern. Ein Vertrauensverlust in Kontostände und Transaktionsaufzeichnungen könnte zudem massenhafte Abhebungen auslösen und die Stabilität des Finanzsystems bedrohen.

Das FSB untersucht laut Bailey außerdem, wie Finanzdienstleister Spitzenmodelle sicher zu Verteidigungszwecken einsetzen können. Fortschritte bei den KI-Fähigkeiten müssten mit größerer Widerstandsfähigkeit und Vorbereitung einhergehen.

Deutlich wird das Gremium bei den regulatorischen Lücken: In vielen Ländern fehlten weiterhin Schutzvorkehrungen für Entwicklung, Veröffentlichung und Einsatz fortgeschrittener KI-Modelle. Diese Lücken zu schließen, sollte nach Baileys Worten eine globale Priorität sein; er ruft zu koordinierten Maßnahmen auf, die eine sichere und verantwortungsvolle Veröffentlichung solcher Modelle unterstützen.

Die wirtschaftlichen Folgen von KI bleiben derweil unklar. Der bislang deutlichste Effekt ist ein sprunghafter Anstieg der Technologieinvestitionen: Schätzungen beziffern die KI-bezogenen Ausgaben je nach Messmethode auf 1,8 bis 5 Prozent des US-Bruttoinlandsprodukts. Jenseits dieses Investitionsbooms bleiben Belege für Produktivitätsgewinne nach Einschätzung von Analysten begrenzt.