Der Angriff selbst war schlicht und wirkungsvoll. Am 18. August 2024 erhielt der in den Gerichtsakten als „Victim 7" geführte Mann in Washington zwei Anrufe: Der erste Anrufer gab sich als Google-Mitarbeiter aus und fragte nach angeblichen Zugriffsversuchen auf sein Konto, der zweite als Vertreter der Kryptobörse Gemini und warnte vor einem Schadsoftware-Angriff auf seine Wallet. Die Anrufer brachten ihn dazu, Zugang zu seinem Google Drive zu gewähren und Sicherheitscodes herauszugeben – damit konnte Lam laut Anklage über 4.100 Bitcoin abziehen. Ziel sei der Mann gewesen, weil er ein vermögender, langjähriger Krypto-Investor war.
Lam soll die Tat gemeinsam mit Veer Chetal und Jeandiel Serrano begangen haben, die er in Online-Gaming-Foren kennengelernt hatte. Laut Staatsanwaltschaft war es nicht ihr erster Social-Engineering-Betrug: Seit Ende 2023 hätten sie nach demselben Muster weitere Diebstähle in Millionenhöhe verübt. Eine private Aufnahme, veröffentlicht von dem als ZachXBT bekannten Ermittler für Kryptokriminalität, hielt den Moment fest, in dem die Gruppe die Summe begriff: „Oh mein Gott! Bruder, ich flippe gleich aus!", sagt eine Stimme im Video. Die Beute wurde über mehrere Börsen und mithilfe von Geldwäschespezialisten in Bargeld umgewandelt.
Ein Fehler brachte die Ermittler auf die Spur: Serrano verschleierte seine IP-Adresse nicht, als er ein Börsenkonto für knapp 30 Millionen Dollar der gestohlenen Kryptowährung anlegte. Die Adresse führte zu einem Haus in Encino, Kalifornien, das er für 47.500 Dollar monatlich gemietet hatte. Serrano wurde am 18. September 2024 am Flughafen Los Angeles verhaftet – er trug eine Uhr im Wert von 500.000 Dollar und gab bald zu, rund 20 Millionen Dollar der Beute zu besitzen. Am selben Tag wurde Lam in einer seiner Villen in Miami gefasst; laut Anklageschrift hatte ihn ein Gesetzeshüter außer Dienst vorab gewarnt. Bei Chetal fand das FBI am 9. September 2024 in seiner Wohnung in Brunswick, New Jersey, gestohlene Kryptowährung im Wert von 37 Millionen Dollar; er kooperierte mit den Behörden.
Die Nachricht vom Reichtum verbreitete sich schnell in Betrügerkreisen. Eine Woche nach dem Coup wurden Chetals Eltern in Danbury, Connecticut, von maskierten Männern aus Miami aus ihrem Auto gezwungen, der Vater mit einem Baseballschläger geschlagen, das Paar gefesselt und in einen Transporter verfrachtet. Die Entführer wollten den Sohn zur Herausgabe seines Anteils erpressen; Zeugen alarmierten die Polizei, die die Täter festnahm.
Richterin Colleen Kollar-Kotelly hat bereits drei Mitangeklagte verurteilt, zwei Geldwäscher zu jeweils rund sechs Jahren Haft. Tucker Desmond erhielt für die Vernichtung von Beweismitteln eine Bewährungsstrafe. Ein Anwalt bezeichnete die Angeklagten als „junge Kinder" – die Richterin ließ das nicht gelten: „Jung zu sein trägt nur so weit."
Die Sicherheitsforscherin Allison Nixon, die seit Jahren die Szene „The Com" junger Hacker verfolgt, fordert mehr Mittel für die Strafverfolgung: „Wenn wir die Ressourcen nicht deutlich hochfahren, um diese Leute schneller auszuschalten, wird sich das immer weiter ausbreiten." Das Justizministerium löste im vergangenen Jahr eine auf Kryptokriminalität spezialisierte Einheit auf.
