Das US-Außenministerium wirft A/I vor, „ein Kader radikaler Hacker und Tech-Entwickler" stelle ein „gesamtes Spektrum an Diensten" bereit — darunter verschlüsselte Chats und E-Mail, Webhosting, sichere Videokonferenzen und Streaming, Anonymisierungsdienste und weitere technische Werkzeuge — und zwar für marxistische, anarchistische und andere linksextreme Gruppen in den USA, Europa und anderswo.
Linke Gruppen hätten sich auf diese digitale Infrastruktur gestützt, um gewaltsame Anschläge zu planen, so die Behörde. Als Beispiele nannte sie Sabotageakte gegen Bahn- und Energieanlagen in Europa, Sprengstoffanschläge auf sogenannte Schwangerschaftsberatungszentren in den USA sowie Proteste gegen das Atlanta Public Safety Training Center, das in Aktivistenkreisen als „Cop City" bekannt ist. Dem Kollektiv selbst warf das Außenministerium nicht vor, solche Aktivitäten organisiert zu haben.
Zunächst reagierte A/I trotzig: Die USA hätten „uns ungerechtfertigt als Terroristen eingestuft". Man wolle „mit einem Federstrich aus Washington unsere Server und Konten einfrieren" und versuche, „uns mit einem einseitigen, willkürlichen Dekret auszulöschen".
Doch die Einstufung wirkte sofort. Die Public Interest Registry suspendierte die Domain, die Banca Etica stellte das Konto wegen der Sanktionsrisiken ein — verbunden mit der Erklärung, sie „verurteile den Gebrauch von OFAC-Listungen für politische Zwecke aufs Schärfste". Am Sonntag folgte die Abschaltungsankündigung: „Die Möglichkeit, dass unsere Arbeit rechtliche und finanzielle Folgen für jene hat, die uns nahestehen — oder auch nur irgendwie mit uns zu tun haben — lässt uns keine Wahl." Unter diesen Umständen könne man die ursprüngliche Mission, sichere und nichtkommerzielle digitale Werkzeuge anzubieten, nicht länger erfüllen.
Mallory Knodel, Geschäftsführerin der Social Web Foundation, ordnet A/I in die Frühzeit des Netzes ein — lange vor sozialen Medien und den heutigen Tech-Riesen sei das Kollektiv aus der Idee entstanden, Informationen im Internet zu demokratisieren. „Die Vorstellung war, dass wir das Web und das Internet nutzen können, um globale Solidarität im Dienst der Antiglobalisierungsbewegung aufzubauen", sagte sie. Der Bedarf an Plattformen, die vor staatlicher Überwachung geschützt sind, sei mit der Zeit dringlicher geworden, besonders nach den von NSA-Whistleblower Edward Snowden geleakten Dokumenten über die Datensammlung der Behörde. Den Verlust der bekannten Blogplattform Noblogs nennt Knodel „erschütternd".
Anne Roth, digitalpolitische Referentin der Linksfraktion im Bundestag, hatte 2007 auf der Plattform ein Blog begonnen, nachdem ihr Partner des Terrorismus beschuldigt worden war. Ihre Beiträge aus fast zwei Jahrzehnten sind weiter lesbar, auf die Verwaltungswerkzeuge hat sie keinen Zugriff mehr. Einige der A/I-Gründer traf sie 2001 bei den Antiglobalisierungsprotesten zum G8-Gipfel in Genua. „Es fühlt sich an, als würde mir jemand mein Zuhause stehlen — mein Online-Zuhause", sagte sie.
Der Fall legt zugleich Konflikte zwischen den USA und Europa über Tech-Hegemonie und digitale Souveränität offen. Die Bürgerrechtsorganisation European Digital Rights erklärte vor der Abschaltung ihre Unterstützung und argumentierte, die Sanktionen untergrüben die europäische Souveränität nach „Monaten von Angriffen auf die Digitalgesetze der EU". Der Fall schaffe „einen gefährlichen Präzedenzfall für nichtkommerzielle Hoster, Registrare und Dienste, die Privatsphäre schützen, in ganz Europa".
Für Roth ist vor allem alarmierend, wie schnell Akteure wie die Public Interest Registry nachgaben: „Nur weil die USA entscheiden, dass jemand ein Terrorist ist — ohne jedes Gerichtsverfahren, ohne irgendetwas, gegen das man rechtlich vorgehen könnte —, bricht diese ganze Internet-Governance-Struktur zusammen."
