Lius Interesse an Computern begann vor seinem zehnten Lebensjahr – geweckt von einer älteren Schwester, die aus dem College Programmierbücher mit nach Hause brachte. „Ich habe sie förmlich verschlungen", erinnert er sich. Von Hackern oder Hacking hatte er damals keine Vorstellung; er wollte schlicht herausfinden, wie die Dinge funktionieren.
Ein Ausnahmetalent im klassischen Sinn sieht er in sich nicht: „Ich war nicht in großem Stil mit Hacking beschäftigt, so wie irgendeine Scattered Spider. Aber ich habe viel Zeit damit verbracht zu lernen, wie Systeme funktionieren, und herauszufinden, wie man sie aufsetzt und wie man sie lahmlegt. Ich war immer eher auf der White-Hat-Seite." Auf die Frage, ob er mit seinem wachsenden Wissen je etwas Zwielichtiges angestellt habe, verneint er. Nachgehakt, ob er nicht wenigstens ins Schulnetz eingedrungen sei, antwortet er ausweichend: „Ich finde nicht, dass das zwielichtig ist – das gehört einfach dazu, wenn man in der Schule ist und sich für Programmierung interessiert."
Seine Definition ist bewusst wertfrei: Ein Hacker sei jemand, „der gern einen Weg um eine Kontrolle oder ein Sicherheitssystem herum findet, um Dinge dazu zu bringen, sich auf unbeabsichtigte Weise zu verhalten". Die Trennlinie verläuft für ihn woanders: „Ich halte die Absicht für sehr wichtig. Es gibt das Erkunden, und es gibt das Erkunden mit dem Ziel, zu zerstören oder zu schaden." Ob er je erwogen habe, Funde im Darknet zu verkaufen? Das sei gar nicht möglich gewesen: „Als ich anfing, in der ersten Hälfte der 1990er, gab es kein Darknet." Tatsächlich entstand es erst nach der Veröffentlichung der Tor-Software 2002 und dem Tor-Browser um 2008.
Seinen moralischen Kompass führt Liu auf Erziehung zurück – „von meinen Eltern und frühen Lehrern, die meiner Meinung nach sehr gute Vorbilder waren". Neurodivers sieht er sich nicht: „Meine Frau würde mich verrückt nennen, aber ich halte mich nicht für neurodivers im herkömmlichen Sinn. Ich habe einfach großen Spaß an dem, was ich tue."
Während seiner NSA-Zeit expandierte die kommerzielle Sicherheitsbranche rasant und warb reihenweise Kollegen ab. 1999 wurde @stake gegründet, ein Jahr später übernahm die Firma Lopht Heavy Industries – Anlaufpunkt bekannter Hacker wie Weld Pond, Kingpin und Space Rogue. 2001 zog Liu nach, schloss aber zunächst sein Studium ab. Mit 21 hatte er zwei Jahre NSA-Erfahrung und einen Abschluss in Informatik. Über die Denkweise offensiver Spezialisten sagt er: „In vielen Fällen verstehen Hacker ein System am Ende besser als die ursprünglichen Entwickler, weil sie so tief darüber nachgedacht haben, wie man sein Verhalten unterläuft." Der Preis dafür sei hoch: „Ich habe eine Menge brillanter Hacker gesehen – wirklich außergewöhnliche Leute –, die ausgebrannt sind und den Halt verloren haben."
2003 stieg er als Security Consultant im Advanced Security Center von Ernst & Young ein, wo er auf Fran Brown traf, einen Studienkollegen aus dem ersten Jahr. Nach 18 Monaten wechselten beide zu Honeywell und leiteten dort das globale Penetrationstest-Team – 16 Monate lang. Nebenbei kamen Aufträge „von Freunden, die Hilfe brauchten". Die Gründungshistorie ist unübersichtlich: Laut Dun & Bradstreet entstand Stach & Liu LLC erst 2011, die Umbenennung in Bishop Fox erfolgte 2013 beziehungsweise 2014.
Ob er noch Hacker sei? „Vor zehn Jahren hätte ich sehr entschieden Ja gesagt. Heute hält mein Team mich wohl für etwas aus der Zeit gefallen, aber ich habe einen großen Teil meiner Karriere damit verbracht, mich in Dinge hineinzuhacken. In letzter Zeit führe ich vor allem die Firma – aber ja, ich würde gern glauben, dass ich immer noch Hacker bin."
