Die Auswertung zeigt, wie stark sich die Wahrnehmung der Betrugsfälle zwischen den Branchen unterscheidet. Unternehmen aus dem Kryptosektor meldeten rund 5,5 Milliarden Dollar an verdächtigen Vorgängen, klassische Banken etwa 6,4 Milliarden Dollar. Die Institute berichteten den Ermittlern, sie seien Maschen “häufig dann aufgefallen, wenn ein Opfer Geld an ein Finanzinstitut im Digital-Asset-Sektor überwies, um digitale Vermögenswerte zu kaufen, oder wenn ein Kunde eine Überweisung an einen mit einer Betrugsmasche verbundenen Empfänger vornahm, oft mit Verweis auf Investments in digitale Vermögenswerte”.
Für die Bundesermittler waren die Meldungen deshalb besonders aufschlussreich, weil einzelne Finanzinstitute in der Regel nur eine Phase im Ablauf einer Betrugsmasche sehen. Die Täter arbeiten dabei mit wechselnden Rollen — vom romantischen Partner bis zum vermeintlich vertrauenswürdigen Finanzberater — und bringen ihre Opfer dazu, Geld per herkömmlicher Banküberweisung oder in Kryptowährung zu senden.
Entgegen einer verbreiteten Annahme waren Menschen über 60 in den Meldungen nicht überrepräsentiert: Auf sie entfielen etwa 25 Prozent aller Fälle. FinCEN schließt daraus, dass andere Altersgruppen in ähnlichem Maß betroffen sind.
Besonders drastisch sind die Fälle, in denen Opfer ihre Altersvorsorge auflösten oder sich verschuldeten. Ein Institut aus dem Digital-Asset-Bereich meldete laut Bericht, eine ältere Frau habe knapp 640.000 Dollar aus ihrem Rentenfonds an einen vermuteten Betrüger überwiesen. “Das Opfer gab an, es habe eine Person über soziale Medien kennengelernt, die es angewiesen habe, in ein offenbar fiktives Unternehmen im Bereich digitaler Vermögenswerte zu investieren”, heißt es dort.
Ein weiterer Betroffener entnahm fast 150.000 Dollar aus seinem Rentenkonto, nahm einen Privatkredit auf und belastete sein Haus mit Kreditlinien, um Geld an einen Betrüger zu schicken. Zwei Kreditanträge wurden ihm abgelehnt; er gab an, das Geld für ein Vorhaben zu benötigen, das ihm seine digitale Partnerin empfohlen habe. Der Bericht verweist zudem auf Opfer, die im Verlauf einer Masche Kredite und zweite Hypotheken beantragten, sowie auf tausende Fälle, in denen Anlagekonten aufgelöst oder Überweisungen an Täterkonten versucht wurden.
Bei den eingesetzten Kryptowährungen dominieren Ethereum, Tether (USDT) und USD Coin (USDC); mindestens 18 weitere Coins tauchten in den Meldungen auf. FinCEN hält fest, dass die Täter gestohlene Mittel nahezu immer in USDT tauschten. Die meisten Opfer erkannten die Masche erst, als sie eine Gebühr für die angebliche Rückzahlung ihres Geldes leisten sollten. In mehreren Fällen traten die Betrüger anschließend als “Vermögensrückgewinnungsdienst” auf, um erneut Geld zu erbeuten.
Wenige Tage nach Veröffentlichung des Berichts ging die US-Regierung gegen Xinbi Guarantee vor, einen zentralen, über Telegram betriebenen illegalen Marktplatz, der Betrügern bei der Geldwäsche in Milliardenhöhe half. Ari Redbord, globaler Leiter Politik beim Blockchain-Analyseunternehmen TRM Labs, erklärte die Sanktionierung damit, dass Xinbi nach dem früheren US-Vorgehen gegen die chinesische Plattform Huione zur bevorzugten Anlaufstelle für die Scam-Komplexe in Südostasien geworden sei. Über Xinbi seien laut Redbord mehr als 36 Milliarden Dollar gewaschen worden.
