Chen beschreibt in seinem Text einen Umbruch der Bedrohungslage: „Die Cybersicherheit tritt in eine neue Phase ein, die durch Industrialisierung von Schwachstellen, vollautomatisierte Angriffe und Verteidigung sowie KI gegen KI gekennzeichnet ist.“ Manche Staaten und Organisationen seien in der Lage, schnell und in großer Menge Schwachstellen zu finden, Angriffspfade automatisch zu verknüpfen und komplexe Hacking-Aufgaben zu erledigen. Das senke die technischen Hürden und Kosten von Cyberangriffen drastisch und berge ernste Risiken für Chinas kritische Informationsinfrastruktur.
Ähnliche Sorgen äußern westliche Regierungen seit längerem. Die Geheimdienstallianz Five Eyes warnte im Juni, führende KI-Modelle könnten offensive wie defensive Cyberoperationen binnen Monaten statt Jahren verändern. Zwar erreichen Schwachstellenmeldungen seither Rekordwerte, ein entsprechender Anstieg tatsächlicher Cyberangriffe ist bislang aber nicht zu beobachten.
Neben den KI-Modellen nennt Chen Spionage und Datenabflüsse als erhebliche Sorgen der Kommunistischen Partei, dazu US-Technologiekontrollen und angebliche monopolistische Praktiken, algorithmische Entscheidungsfindung in der „sozialen Steuerung“ sowie die Wirkung von KI auf militärische Operationen. Zum Einsatz von KI in Chinas eigenen offensiven Cyberoperationen äußert er sich nicht. Peking bestreitet solche Operationen regelmäßig, obwohl westliche Forscher aus dem öffentlichen wie dem privaten Sektor sie wiederholt zugeordnet haben.
Anthropic hatte kurz zuvor über eine chinesischsprachige Gruppe berichtet, die Claude für ein „autonomes Schwachstellenforschungsprogramm“ nutzte. Zu den Beteiligten zählte das Unternehmen zwei Operateure, die es als Studierende einer Universität in Hunan identifizierte. Die Gruppe fand laut Anthropic mehrere Zero-Day-Lücken in einem verbreiteten Sicherheitsprodukt; der Bericht dokumentierte außerdem Missbrauch durch russlandnahe und weitere Akteure.
Geleakte technische Unterlagen, über die Recorded Future News in diesem Jahr berichtete, deuteten zudem auf eine staatlich gestützte chinesische Trainingsplattform hin, auf der Cyberangriffe gegen kritische Infrastruktur in Nachbarländern geprobt und möglicherweise KI zu deren Unterstützung trainiert werden sollte.
Einen Tag nach Chens Artikel veröffentlichte die Cyberspace Administration of China zum Auftakt der National Cybersecurity Week in Jinan eine neue Fassung ihres KI-Governance-Rahmens. Er befasst sich mit autonomen Agenten und verkörperter KI und benennt „Kontrollverlust“ als Kernrisiko. Der Rahmen ist eine Orientierungshilfe, kein Gesetz. Öffentlich zugängliche KI-Dienste müssen in China ohnehin vor dem Start eine staatliche Sicherheitsprüfung durchlaufen und registriert werden.
Chen kritisierte auch ausländische Exportkontrollen und „geschlossene Ökosysteme“. Chinesische Labore treten inzwischen als wichtige Befürworter von Modellen mit offenen Gewichten auf — eine Strategie, die Analysten auch als Versuch werten, chinesische Technologie zu verbreiten und technische Standards im Ausland zu beeinflussen. KI bezeichnete Chen als „internationales öffentliches Gut“ und rief dazu auf, sie so einzusetzen, dass der Globale Süden die „Intelligenzlücke“ schließen könne — China als offene Alternative zu dem, was Peking als westliches Technologiemonopol beschreibt.
