Nach dem Putsch von 2021 hatte das Militär die gewählte Regierungschefin Aung San Suu Kyi verhaften und ihre Regierung auflösen lassen. Tausende Menschen wurden seither festgenommen oder getötet, ein jahrelanger Aufstand war die Folge.
Telenor, seit 2014 in Myanmar tätig, verkaufte sein dortiges Geschäft 2022 an die libanesische M1 Group. Bereits zuvor hatten Aktivisten umfangreiche Dokumente veröffentlicht, die Verbindungen zwischen der Militärdiktatur und M1 belegen sollten. Unmittelbar nach Abschluss des Geschäfts reichte M1 80 Prozent des Myanmar-Geschäfts an Shwe Byain Phyu weiter, ein Unternehmen, das von Verbündeten der Militärregierung geführt wird.
Aktivisten befürchteten damals, dass die Militärs mit der vollständigen Kontrolle durch ein regierungsnahes Unternehmen nicht nur Zugriff auf die Altdaten nahezu aller Bürger des Landes erhalten, sondern zusätzlich Überwachungswerkzeuge installieren könnten, um Telefonate, Textnachrichten und weitere persönliche Daten mitzulesen.
Vor dem Verkauf hatte Telenor laut Myanmar Now eingeräumt, Versuche des Militärs, Überwachungstechnik in seinen Systemen zu installieren, zunächst abgewehrt zu haben. Zugleich erklärte das Unternehmen, im vorangegangenen Jahr mindestens 200 Anfragen des Militärs zur Herausgabe von Kundendaten nachgekommen zu sein.
Yadanar Maung von der Organisation Justice For Myanmar hatte 2022 gewarnt, das Vorgehen des Konzerns könne auf Beihilfe zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit hinauslaufen. Telenors Systeme und Daten würden genutzt, um Aktivisten der Zivilgesellschaft und Journalisten „aufzuspüren, zu verhaften, zu foltern und zu ermorden", sagte Maung.
Unternehmenssprecher David Fidjeland verwies in einer Stellungnahme auf die Lage der Beschäftigten vor Ort: Diese hätten „Gefängnis, Folter oder die Todesstrafe riskiert, wenn den Anordnungen der Militärbehörden nicht Folge geleistet worden wäre". Es sei „eine äußerst schwierige Situation" gewesen, in der man keine wirkliche Wahl gehabt habe und das Leben der Mitarbeiter nicht habe aufs Spiel setzen können. Dokumente und weitere Informationen habe man den Ermittlungsbehörden bereits übergeben.
Telenor hatte sein Verhalten zuvor damit verteidigt, zwischen lokalem und internationalem Recht in einen Konflikt geraten zu sein. Man sei verpflichtet gewesen, die eigenen Mitarbeiter zu schützen und lokales Recht zu befolgen, das eine mehrjährige Speicherung von Kundendaten vorschrieb.
Juristisch steht der Konzern bereits an mehreren Fronten unter Druck: Mehrere zivilgesellschaftliche Gruppen aus Myanmar verklagten Telenor im vergangenen Jahr mit der Begründung, die Daten des Unternehmens seien genutzt worden, um Menschen aufzuspüren, festzunehmen und zu foltern. Mindestens eine Person wurde nach ihrer Festnahme hingerichtet, die mutmaßlich auf Informationen aus den Telenor-Daten zurückging. Eine schwedische Nichtregierungsorganisation reichte zudem im April eine Sammelklage im Namen von 1.200 Personen ein, deren Daten Telenor der Junta weitergegeben haben soll.
