Von der Leyen bezeichnete den AI Act als entscheidenden Baustein für Leitplanken, der Europa in die Lage versetze, globale Anstrengungen mitzugestalten. Man werde die Zusammenarbeit mit gleichgesinnten Partnern wie Kanada und dem Vereinigten Königreich verstärken.

Risikokontrolle sei nicht dasselbe wie das Ausbremsen von Potenzial, betonte sie. Europa müsse keine eigenen Frontier-Modelle entwickeln, um von ihnen zu profitieren. Entscheidend sei, den bislang nicht eingelösten Wert zu schaffen: KI vom Bildschirm in die reale Wirtschaft und Gesellschaft zu bringen — in die Fabrikhalle, auf die Krankenstation, in die Präzisionslandwirtschaft, in intelligente Stromnetze, ins autonome Fahren und in die Verteidigung. “Dort liegt der eigentliche Wert verborgen.”

Als Beispiel nannte sie die Mammographie: KI-gestützte Untersuchungen könnten mehr Krebserkrankungen früher erkennen, so dass mehr Frauen überlebten. Die Grenze zog sie klar: “Möchte ich, dass mein Arzt sofortigen KI-Zugriff auf alle Daten hat, die für die beste Diagnose und Behandlungswahl nötig sind? Ja, natürlich. Aber möchte ich, dass mein Arzt ein Roboter ist? Nein, natürlich nicht.” KI müsse Ärzte stärken, nicht ersetzen — Menschen müssten die KI kontrollieren, nicht umgekehrt. Für die gesellschaftlichen Folgen kündigte sie den EU Quality Jobs Act an, der noch vor Jahresende vorgelegt werden soll.

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Deutlich schärfer fiel der Abschnitt zu sozialen Medien aus. Junge Europäer verbrächten heute vier bis sechs Stunden täglich vor Bildschirmen, Kinder würden immer tiefer in Feeds gezogen, die sie zum Weiterscrollen bringen sollen. Sie sprach von einer “großen Vereinnahmung unserer Kinder — der Vereinnahmung ihrer Aufmerksamkeit, ihrer Konzentration, ihres Denkens”, die den Kindern ihre Kindheit nehme. Als Folgen nannte sie Schlafmangel, Angstzustände, Selbstverletzung und in wachsender Zahl auch tödliche Tragödien.

Als Beispiel führte sie den Fall der 14-jährigen Olea Orban aus Flémalle bei Lüttich an, die sich nach Cybermobbing in sozialen Medien das Leben nahm. Deren Mutter sagte: “Ich bin überzeugt, dass meine Tochter ohne diese allgegenwärtigen Netzwerke noch bei uns wäre. Es reicht.” Von der Leyen schloss sich an: “Sie hat recht. Es reicht… Jetzt ist es Zeit für Europa zu handeln.”

Der geplante Kids Act soll nach einem gestuften und differenzierten Ansatz arbeiten, mit eigenen Schutzniveaus je Altersgruppe: keine sozialen Medien unter 13 Jahren, kein persönliches Konto unter 15 Jahren. Zwischen 13 und unter 15 Jahren sollen nur von Eltern oder Erziehungsberechtigten eingerichtete und beaufsichtigte Mini-Konten mit eingeschränkten Funktionen erlaubt sein; zwischen 15 und 18 Jahren gilt eine Zeitbegrenzung von einer Stunde täglich. Sicheres Design soll für die Plattformen verpflichtend werden.

Der Macht der großen Technologiekonzerne will sich von der Leyen ausdrücklich entgegenstellen: Man müsse weder süchtig machende Funktionen hinnehmen noch, dass Kinder in immer extremere Inhalte gezogen würden oder dass Fotos von Mädchen für KI-generierte sexualisierte Bilder verwendet würden. “Deshalb kehren wir die Beweislast um”: Plattformen müssten künftig nachweisen, dass sie sicher sind. Es gehe nicht darum, ob Minderjährige Zugang zu sozialen Medien hätten, sondern wann und wie man sozialen Medien Zugang zu Minderjährigen gewähre. “Wir entscheiden die Regeln, nicht Big Tech.” Da auch Erwachsene von süchtig machendem Design betroffen seien, brauche es einen breiteren Rahmen — den für den Herbst angekündigten Digital Fairness Act.