Kinder unter 13 Jahren sollen künftig vollständig von sozialen Netzwerken ausgeschlossen werden – erlaubt bleiben allein elterlich kontrollierte Werkzeuge, die das Gerät der Erwachsenen auf kindgerechte Video-Dienste beschränken. Die Verantwortung dafür, ein solches Werkzeug bereitzustellen und einfach bedienbar zu machen, liegt laut Kommission bei den Anbietern.
Der KIDS Act enthält darüber hinaus zahlreiche Vorgaben für alle Minderjährigen unter 18 Jahren, die soziale Netzwerke, Online-Spiele, Video-Plattformen sowie KI-Chatbots und -Begleiter nutzen. Zum Grundsatz “sicher durch Design” gehört ein Verbot dessen, was die Kommission “suchterzeugende Funktionen und auf Profilbildung gestützte Empfehlungsfeeds, die Minderjährige in ‘Kaninchenbauten’ schädlicher Inhalte ziehen” nennt. Untersagt werden sollen zudem endloses Scrollen ohne Haltepunkte, Belohnungstricks, Push-Benachrichtigungen während der Schlafenszeit und unaufgeforderte Kontaktaufnahme durch Fremde.
KI-Begleiter und Chatbots müssen standardmäßig abgeschaltet sein; Anbieter sollen Verfahren einführen, die verhindern, dass ihre Produkte Beziehungen “auf eine Weise simulieren, die emotionale Abhängigkeit erzeugt”. Profile Minderjähriger sollen von Haus aus privat sein, Standortdaten sowie Mikrofon- und Kamerazugriff blockiert. Jugendliche sollen andere Nutzer einfach blockieren und stummschalten können und “sichere Empfehlungssysteme” erhalten, die sie zurücksetzen oder steuern können.
Zur Altersprüfung sollen Online-Dienste und App-Stores eine EU-Altersverifikations-App einsetzen, die im April vorgestellt wurde. Sie speichere weder Ausweisdokumente noch biometrische Daten und erfülle die “höchsten datenschutzwahrenden Sicherheitsvorkehrungen”, so die Kommission. Soziale Netzwerke und Video-Plattformen müssen das Alter bei der Neuanlage eines Kontos prüfen und es bei Bestandskonten anhand von Erstellungsdatum, Kreditkartendaten und ähnlichen Angaben schätzen.
“Sehr große” Anbieter sollen der Kommission und einem externen Prüfer einen Konformitätsplan vorlegen; die Kommission will die Prüfberichte auswerten und Nachbesserungen verlangen. Untersuchungen bei Verdachtsfällen sollen beschleunigt und binnen 90 Tagen abgeschlossen werden. Bei Verstößen drohen Geldbußen von bis zu sechs Prozent des weltweiten Jahresumsatzes, zudem sollen Anbieter die Aufsicht über eine Gebühr mitfinanzieren. Die Durchsetzung werde dadurch erleichtert, dass der Digital Services Act und der AI Act bereits Vorgaben gesetzt hätten, betont die Kommission.
Wie schwierig die Durchsetzung ist, zeigt Australien: Von der Regierung beauftragte Forscher stellten fest, dass das dortige Verbot 61 Prozent der australischen Kinder zwischen 12 und 15 Jahren nicht vom Zugang zu Konten auf großen Plattformen abgehalten hat. Am 7. September verabschiedete das australische Parlament ein Gesetz, das die Höchststrafen für Plattformen auf 99 Millionen australische Dollar (68 Millionen US-Dollar) verdoppelt und die Ermittlungsbefugnisse der eSafety-Kommissarin ausweitet. Joe Jones, Forschungsdirektor der IAPP, verwies per E-Mail auf Komplikationen durch VPNs, den Stand der Altersprüfungstechnik und die mit der Datenerhebung verbundenen Datenschutzfragen.
Tech-Lobby und Bürgerrechtler kritisierten den Entwurf umgehend. Mitchell Rutledge von CCIA Europe bemängelte, dass technische, Sicherheits- und Akkreditierungsstandards fehlten: “Die Kommission schiebt diese entscheidenden Fragen auf künftige Durchführungs- und delegierte Rechtsakte”, schrieb er. “Die Europäer sollen einem System vertrauen, bevor irgendjemand weiß, wie es tatsächlich gebaut wird.” Simeon de Brouwer von European Digital Rights (EDRi) erklärte, die EU solle Plattformen zum Sicherheitsnachweis zwingen, statt Kinder und alle anderen ihr Alter beweisen zu lassen, um Grundrechte online auszuüben. Weil alle Nutzer bei der Kontoerstellung überprüft würden, müssten auch Erwachsene Ausweisdokumente und Smartphones einsetzen – besonders nachteilig für Menschen ohne Ausweis. Greta Thunberg, so de Brouwer, hätte ihre Klimakampagne ohne Zugang zu Online-Diensten nicht starten können.
Die Kommission verweist ihrerseits auf Umfragewerte: Laut Spezial-Eurobarometer zur Digitalen Dekade 2026 halten 92 Prozent der Europäer besseren Kinderschutz im Netz für eine “vorrangige politische Priorität”.
