Die Anfänge liegen im Code. „Ich habe meine Karriere als Softwareentwicklerin begonnen. Ich habe es geliebt", sagt Davis über ihre Zeit bei Intergraph; sie habe dort weit mehr als die sprichwörtlichen 10.000 Stunden abgeleistet, in Anspielung auf Malcolm Gladwells Regel aus „Outliers". 1999 war sie Director of Engineering mit mehreren Teams an mehreren Standorten – und mit wachsendem Interesse daran, wie Wissensarbeiter tatsächlich funktionieren.
Dann verließ sie Intergraph und ging als Senior Member of Software Engineering Process Management an die Carnegie Mellon University. Es war die Zeit der agilen Bewegung; das Agile Manifesto wurde 2001 von 17 führenden Software-Praktikern verfasst. „Das Software Engineering Institute in Carnegie Mellon hat viel angewandte Forschung betrieben", sagt Davis. Entwickelte Methoden seien gemeinsam mit Citi, Microsoft, dem Naval Oceanographic Office, Lockheed Martin und Hewlett Packard erprobt worden.
Ihr Einstieg in die Sicherheit war Zufall. Bill Gates verschickte sein „Trustworthy Computing"-Memo am 15. Januar 2002 an alle Microsoft-Beschäftigten und kam nach Carnegie Mellon. „Er sagte: ‚Können wir daran gemeinsam arbeiten?’ Und ich wurde da hineingezogen, weil ich immer noch programmieren konnte. So bin ich zur Cybersicherheit gekommen. Geplant war das überhaupt nicht."
2011 wechselte sie direkt zu Intel – nicht ins Sicherheitsteam, sondern als VP of Global Quality, zuständig unter anderem für Produktsicherheit, Incident Response und Produktlebenszyklus. 2016 kam sie als SVP für Produktsicherheit und Datenschutz zu Comcast, 2021 wurde sie Corporate EVP und Chief Information Security Officer, 2023 Global CISO und Chief Product Privacy Officer. „Meine erste CISO-Rolle – und das verblüfft mich bis heute – war bei einem Fortune-30-Unternehmen."
Mentoren hatte sie keine, dafür prägende Momente. Jahrelang sträubte sie sich gegen Führungsaufgaben: „Ich wollte nur programmieren. Es war wie eine Droge." Erst ein Vorgesetzter überzeugte sie, es ein Jahr zu versuchen – das Unternehmen habe viele gute Techniker, aber es brauche auch gute Führungskräfte. „Ich habe nie zurückgeschaut." Noch früher, als ihr Vater erkrankte und sie kündigen wollte, schickte ihr Arbeitgeber ihr den Rechner nach Pittsburgh: „Kümmere dich um deinen Vater. Egal wie lange. Arbeite, wenn du kannst – aber wir wollen dich behalten." Für sie die größte Lektion über die Kraft der Empathie.
Geschäftliches Verständnis hält Davis für unverzichtbar: „Ich glaube, ich habe in meiner ganzen Zeit als CISO nie gesagt, dass etwas, was das Geschäft braucht, nicht geht. Es heißt immer: Verstanden – jetzt finden wir heraus, wie wir es so sicher wie möglich machen." Gewinn- und Verlustrechnungen beherrsche sie seit Langem; einen MBA hat sie nicht gemacht, ist aber sicher, dass er geholfen hätte.
Zentral ist für sie Gelassenheit. Ein CISO habe es mit Dingen zu tun, die eine Organisation zu Tode erschrecken können; genau deshalb müsse man den Ernst der Lage ruhig erklären. Andernfalls wollten zehn Leute gleichzeitig dieselbe Situation steuern – „und das führt nur ins Chaos". Dieselbe Ruhe helfe auch beim Budget: Wer dem CEO sachlich erkläre, was ohne Investition drohe, bekomme das Geld.
Bei der Teamzusammenstellung will sie beides: „Ich würde immer ein Team wählen, das gut zusammenarbeitet, statt einzelner Superstars. Aber man muss sich nicht entscheiden." Ihr globales Team hält mehr als 100 Patente – doch brillante Ideen blieben ohne Team liegen. Persönlich rekrutiert sie nur die Teamleiter der Standorte, nach dem Prinzip: gute Leute einstellen, die gute Leute einstellen.
Gegen Burnout setzt sie auf erzwungene Auszeiten. Als ihr Team nur zwei Monate Zugang zu führenden KI-Modellen hatte, bat sie um Wochenend- und Abendarbeit – verbunden mit der Zusage einer freien Woche danach, frei einteilbar. Schlaflos macht sie das alles nicht: „Etwas wird immer passieren; aber wenn – nicht falls – es passiert, werden wir damit umgehen. Wir haben das Muskelgedächtnis." Ihr Fazit: „Zweimal in meinem Leben habe ich Gehaltseinbußen in Kauf genommen, um etwas Neues zu machen, und ich habe es nie bereut."
