Während der Parlamentswahlen am Wochenende lösten die Behörden im Moskauer Gebiet laut dem Institute for the Study of War (ISW) bei einem größeren ukrainischen Drohnen- und Raketenangriff weder Luftalarmsirenen aus noch verschickten sie SMS-Warnungen — bei gleichzeitig eingeschränktem Mobilfunk. Die russischen Behörden hätten offenbar eine hohe Wahlbeteiligung über die öffentliche Sicherheit gestellt, so das ISW.

Ähnliche Probleme sind aus anderen Landesteilen dokumentiert. Bei einem ukrainischen Drohnenangriff auf das Elektromechanikwerk Kupol in Ischewsk ertönte im vergangenen Jahr nach Berichten lokaler Medien keine Sirene; Störungen des mobilen Internets verhinderten zudem den Zugriff auf Warnungen in Telegram. Na Svyazi urteilte damals, die Kommunikationsbeschränkungen hätten die Drohnen nicht vom Kurs abgebracht — die drei Getöteten hätten jedoch überleben und die 35 Verletzten unversehrt bleiben können, wenn sie rechtzeitig gewarnt worden wären.

In Tscheboksary im Westen des Landes berichteten Anwohner in diesem Monat, neben dem mobilen Internet sei auch der gewöhnliche Mobilfunk ausgefallen; Anrufe seien sofort getrennt worden oder gar nicht zustande gekommen. Laut Na Svyazi erhielten manche Teilnehmer überhaupt keine Raketen- oder Drohnenwarnungen, andere dagegen dutzendfach identische Nachrichten. Lokale Telekommunikationsanbieter begründeten die Einschränkungen mit Sicherheitsmaßnahmen.

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Das Problem reicht über die Abschaltungen hinaus: Eine kürzlich veröffentlichte Recherche von Nowaja Gaseta Europe ergab, dass russische Behörden bei Angriffen häufig keine Sirenen auslösen. Die Redaktion schätzt, dass in diesem Sommer in Russland und auf der von Russland besetzten Krim mindestens 36 Zivilisten bei Angriffen ohne Sirenenalarm getötet wurden — eine Mindestschätzung, da unterbliebene Alarmierungen nicht immer bekannt werden. Im Moskauer Gebiet entfielen den Berechnungen zufolge 68 Prozent der Todesopfer durch Angriffe auf Fälle ohne Sirene.

Das russische Recht verpflichtet regionale und kommunale Behörden zu rechtzeitigen Warnungen, schreibt Sirenen aber nicht für jeden Angriff vor; alternativ sind SMS, Apps, Fernsehen oder offizielle Kanäle zulässig. Nutzer in sieben Regionen gaben gegenüber Nowaja Gaseta Europe an, praktisch nie SMS-Warnungen erhalten zu haben; in 32 weiteren Regionen kamen Nachrichten nicht bei jedem Angriff oder erst nach dem Einschlag an.

SMS sei grundsätzlich robuster als internetbasierte Warnungen, weil dafür keine mobilen Daten nötig seien, sagt Darbinyan. Push-Nachrichten, Telegram-Kanäle und Behördenwebseiten seien bei Abschaltungen deutlich anfälliger. Russland versucht, ausgewählte Dienste über eine staatliche Whitelist erreichbar zu halten, darunter die App des Katastrophenschutzministeriums und den staatsnahen Messenger MAX. Doch selbst deren Push-Benachrichtigungen funktionierten laut Darbinyan womöglich nicht, weil das Benachrichtigungssystem auf Google-Infrastruktur beruhe, die nicht auf der Whitelist steht.

Den sicherheitspolitischen Nutzen stellt Darbinyan infrage: Mobilfunk sei nur eine von mehreren Technologien, die Drohnen neben Satellitennavigation und Funkverbindungen nutzen könnten. Die Abschaltungen reduzierten die Zahl der Angriffe in gewissem Maß, seien aber kein Allheilmittel — seit zwei Jahren werde der Internetzugang abgeschaltet, und die Drohnenangriffe seien nicht weniger, sondern mehr geworden. Na Svyazi formuliert es so: Sicherheit bedeute, dass Alarmierungen funktionieren und Menschen Zugang zu Kommunikation haben.