Der Fehler sitzt in jenem Teil von KVM, der die verschachtelte Virtualisierung auf ARM64 abwickelt. Ordnet ein Gast seinen Speicher auf bestimmte Weise an, ergibt eine Größenberechnung den Wert null – und ein Schritt, der veraltete Einträge aus dem Adresscache des Prozessors entfernen soll, die TLB-Invalidierung, wird übersprungen.

Eine bereits freigegebene Speicherseite des Hosts bleibt dadurch eingeblendet und beschreibbar. Der Gast kann sie in 64-Bit-Schritten lesen und schreiben, ohne dass die Hardware die Kontrolle per Trap an den Host zurückgibt.

Uneinheitlich ist die Frage, ab welcher Kernel-Version das Problem tatsächlich greift. Die Aufzeichnungen des Kernels führen den betroffenen Code ab Linux 6.16. Der Autor des Fixes hat diesen jedoch gegen eine spätere Änderung markiert, und der Maintainer, der den Patch geprüft und getestet hat, erklärte, die “ausgelassene Invalidierung beginnt erst mit v6.17”. Demnach enthält ein Host unter 6.16 zwar den Code, nicht aber das Verhalten, das ein Angreifer benötigt.

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Es gibt einen zweiten Missbrauchsweg: Auf Systemen, auf denen jeder Nutzer das Gerät /dev/kvm öffnen kann – über das Programme virtuelle Maschinen anlegen –, könnte ein lokaler Benutzer laut Kim eine eigene VM bauen und über dieselbe Lücke Root-Rechte erlangen. Er verweist dabei auf Red Hat Enterprise Linux, wo dieses Gerät standardmäßig für alle Nutzer offensteht. Red Hat führt den Kernel der Version 10 als betroffen, die Versionen 6 bis 9 als nicht betroffen. Auch dieser Weg setzt voraus, dass auf dem Host die verschachtelte Virtualisierung aktiv ist.

Für Hosts, die sich noch nicht patchen lassen, erklärt Red Hat, dass keine Gegenmaßnahme die eigenen Kriterien für einen Workaround erfüllt. Sicher ist allein die Eingrenzung des Angriffsziels: Betroffen sind nur Hosts mit eingeschalteter verschachtelter Virtualisierung.

Die Bewertungen der Anbieter reichen von 7.8 bis 9.3 von 10 Punkten. Einig sind sie sich darin, dass die Auswirkung hoch ist und der Angriff lokal erfolgt, also nicht über ein Netzwerk ausgelöst werden kann. Die Spanne spiegelt wider, wie schwer die einzelnen Hersteller die Ausnutzung einschätzen; Ubuntu, das den Wert 9.3 ausweist, stuft die eigene Priorität lediglich als mittel ein. Mit Stand 22. September war die Lücke nicht im Katalog ausgenutzter Schwachstellen der US-Behörde CISA verzeichnet, der prognostizierte Ausnutzungswert lag unter 1 Prozent.

Ob Cloud-Mieter über die Lücke in die Maschinen ihres Anbieters eindringen könnten, hängt an der benötigten Konfiguration – und die bieten die größten Anbieter nicht an: Amazon Web Services listet für verschachtelte Virtualisierung ausschließlich Intel-basierte Instanzen, Google Cloud schließt seine ARM-VMs davon aus. Ein Freibrief ist das nicht, doch der konkrete Pfad dieser Schwachstelle ist in ihren Standard-ARM-Angeboten nicht erreichbar.

Für Hyunwoo Kim ist CVE-2026-89775 der vierte KVM-Ausbruch vom Gast zum Host, den er in diesem Jahr offengelegt hat. Zwei betrafen die x86-Variante von KVM: Januscape im Juli und Zapscape im August. Die größte Ähnlichkeit besteht zu ITScape, einem ARM64-KVM-Ausbruch, den er im Juni veröffentlichte und den er als den ersten öffentlich gezeigten Ausbruch dieser Art auf ARM64 bezeichnete.