Unter Linux lässt sich eine Schutzmaßnahme umgehen: Wer keine Berechtigung hat, eine geschützte Datei zu überwachen, kann deren Ereignisse dennoch empfangen, indem er den enthaltenden Ordner beobachtet — sofern dieser lesbar ist. Angewandt auf die Gerätedateien der Tastatureingabe, verrät das, wann ein Nutzer eine Taste drückt, nicht aber welche.
Das genügt, um an bekannte Forschung anzuknüpfen: Seit über zwei Jahrzehnten ist belegt, dass die Abstände zwischen Tastenanschlägen Rückschlüsse auf das Getippte erlauben. In Tests mit sieben Schreibenden erkannte der Angriff Tastenanschläge zuverlässig und erreichte auf einem gängigen Genauigkeitsmaß Werte zwischen 93,1 und 100 Prozent. Eingaben ohne Bildschirmausgabe, etwa ein verdecktes sudo-Passwort, werden nicht erfasst.
Weitere Linux-Angriffe zielen auf das Wiedererkennen von Webseiten anhand der Systemschriften, die Firefox für eine Seite lädt — Seiten aus den Top 100 ließen sich so mit 87,9 Prozent Genauigkeit identifizieren. Auf dem KDE-Plasma-6-Desktop unter Wayland demonstrierten die Forscher zudem einen gefälschten Passwortdialog: Ein bösartiger Prozess, der unter dem Konto des Opfers läuft, erkennt, wann der echte Authentifizierungsdialog erscheinen wird, und legt eine Fälschung darüber, um Zugangsdaten abzugreifen.
Die Android-Tests liefen auf einem Google Pixel sowie auf Samsung-Galaxy-Geräten. Eine App ohne jede Berechtigung kann demnach den privaten Speicherordner einer anderen App beobachten. Bei WhatsApp offenbarte die Technik, wann Fotos, Videos und Dokumente empfangen oder gesendet wurden — samt Dateinamen — und wann diese Medien später gelöscht wurden.
Am gravierendsten ist unter Windows die Überwachung des Wurzelverzeichnisses des Systemlaufwerks: Windows meldet dann den vollständigen Pfad jeder geänderten Datei auf dem gesamten Rechner, einschließlich der Benutzerverzeichnisse anderer Konten, die das überwachende Konto gar nicht lesen darf. Da Firefox Daten vieler Webseiten in nach der jeweiligen Seite benannten Ordnern ablegt, kann ein unprivilegierter Nutzer in Echtzeit mitverfolgen, welche Seiten ein anderer Nutzer aufruft. Über die 1.000 meistbesuchten Webseiten erreichten die Forscher 97,8 Prozent Genauigkeit bei Firefox und 48,5 Prozent bei Edge, das deutlich seltener solche Ordner anlegt.
macOS gibt am wenigsten preis, weil nur global lesbare Dateien überwacht werden können. Dennoch ließen sich Programmstarts, Interaktionen mit Anwendungen und Änderungen an Einstellungen nachvollziehen.
Der Linux-Kernel wurde inzwischen teilweise gehärtet: Gerätedateien erzeugen keine Zugriffs- und Änderungsereignisse mehr, was laut den Forschern die schwerwiegendsten Probleme adressiert. Der Fix wird unter CVE-2025-68788 geführt. Für Android und macOS nennen die Forscher keine Korrekturen.
Microsoft bezeichnete das Windows-Verhalten gegenüber den Forschern als beabsichtigt; preisgegeben würden nur Dateinamen und Pfade im Profilverzeichnis eines anderen Nutzers, nicht aber Dateiinhalte oder sensible Daten. Ein Sprecher erklärte gegenüber SecurityWeek: „Wir danken dem Forscher für die Meldung dieses Verhaltens. Wir haben es untersucht und festgestellt, dass es sich nicht um eine Sicherheitslücke handelt. Die Technik setzt voraus, dass ein Angreifer bereits unter einem separaten Benutzerkonto lokal Code auf einem Gerät ausführen kann, und sie gewährt keinen Zugriff auf Dateiinhalte. Kunden können sich schützen, indem sie bewährte Sicherheitspraktiken befolgen, darunter die Beschränkung lokalen Zugriffs auf vertrauenswürdige Nutzer und das Aktuellhalten ihrer Systeme." Zusätzlich verwies Microsoft auf im April 2025 dokumentierte Schutzmaßnahmen für bestimmte Fälle der Pfadoffenlegung bei Verzeichnisänderungs-Benachrichtigungen, die Administratoren aktivieren können.
Apple und Google reagierten nicht auf Anfragen von SecurityWeek. Ausnutzung in freier Wildbahn ist den Forschern nicht bekannt; Proof-of-Concept-Code wurde auf GitHub veröffentlicht.
