Der Konflikt entzündete sich an einem Verteidigungsauftrag. Anthropic verlangte vom Pentagon eng gefasste Zusicherungen, dass Claude nicht zur Massenüberwachung von US-Bürgern und nicht in vollautonomen Waffen eingesetzt werde. Nach monatelangen vertraulichen Gesprächen, die schließlich in eine öffentliche Auseinandersetzung mündeten, erklärte das Unternehmen, eine neue Vertragsformulierung sei zwar “als Kompromiss gerahmt”, aber mit juristischen Klauseln verbunden gewesen, die ein beliebiges Aushebeln dieser Schutzvorkehrungen erlaubt hätten.
Pentagon-Sprecher Sean Parnell hielt dagegen, das Militär habe “kein Interesse daran, KI zur Massenüberwachung von Amerikanern einzusetzen (was illegal ist)”, noch wolle man KI nutzen, um autonome Waffen ohne menschliche Beteiligung zu entwickeln. Man wolle Anthropics Modell “für alle rechtmäßigen Zwecke” verwenden, führte aber nicht aus, wie genau. Laut Parnell hatte Anthropic bis 17:01 Uhr Ostküstenzeit am Freitag Zeit, sich zu entscheiden.
Nach einem Treffen von Hegseth und Amodei am Dienstag warnten Vertreter des Militärs, sie könnten Anthropic als Lieferkettenrisiko einstufen, den Vertrag kündigen oder den Defense Production Act aus der Zeit des Kalten Krieges anwenden, um dem Militär weiterreichende Befugnisse zur Nutzung der Produkte zu verschaffen. Die Einstufung als Lieferkettenrisiko trifft sonst typischerweise ausländische Gegner und könnte zentrale Geschäftspartnerschaften des Unternehmens gefährden. Amodei nannte die beiden letztgenannten Drohungen widersprüchlich: “Die eine stuft uns als Sicherheitsrisiko ein, die andere bezeichnet Claude als unverzichtbar für die nationale Sicherheit.”
Emil Michael, im Verteidigungsministerium zuständig für Forschung und Technik, griff Amodei auf X scharf an und warf ihm einen “Gottkomplex” vor. Elon Musk stellte sich auf Trumps Seite und schrieb auf X, “Anthropic hasst die westliche Zivilisation” — mit Bezug auf eine frühere Version von Claudes Leitprinzipien, die zur “Berücksichtigung nicht-westlicher Perspektiven” anregte. Anthropic bezeichnet diese Wertevorgaben als Verfassung.
In Teilen des Silicon Valley fand die Linie des Pentagons wenig Zuspruch. Beschäftigte der Konkurrenten OpenAI und Google unterstützten Amodei in einem offenen Brief und erklärten, das Pentagon verhandle mit beiden Firmen, um sie zu dem zu bewegen, was Anthropic verweigert habe. OpenAI-Chef Sam Altman stellte sich überraschend hinter Anthropic und nannte das Vorgehen des Pentagons im CNBC-Interview “bedrohlich”. Er vertraue Anthropic als Unternehmen weitgehend und glaube, dass es ihm wirklich um Sicherheit gehe. OpenAI, Google und Musks xAI haben ebenfalls Verträge, um ihre KI-Modelle an das Militär zu liefern.
Kritik kam zudem von Abgeordneten beider Parteien sowie vom pensionierten Air-Force-General Jack Shanahan, der einst das KI-Projekt Maven leitete. Er zeigte Verständnis für Anthropics Haltung — mehr als seinerzeit für Google 2018 — und nannte die roten Linien des Unternehmens “vernünftig”. Claude werde bereits breit in der Regierung genutzt, auch in geheimen Bereichen. Die großen Sprachmodelle hinter Chatbots wie Claude seien jedoch “noch nicht reif für den Einsatz im Bereich nationaler Sicherheit”, insbesondere nicht für vollautonome Waffen.
