Die Nutzung gekaperter Kameras war Teil eines Bündels nachrichtendienstlicher Mittel. Nach Angaben der gegenüber der AP eingeweihten Person waren seit Jahren nahezu alle Verkehrskameras Teherans gehackt und die Daten auf Server in Israel übertragen worden. Mindestens eine Kamera stand in einem Winkel, der es erlaubte, die täglichen Bewegungen von Personen nachzuvollziehen – etwa wo sie ihre Autos nahe dem Führungskomplex parkten. Algorithmen lieferten Informationen wie Wohnadressen, Arbeitswege und die Identität von Personenschützern. Die Operation sei monatelang geplant, dann aber beschleunigt worden, als feststand, dass Khamenei und seine Spitzenbeamten an jenem Morgen im Führungskomplex sein würden. Zuerst hatte die Financial Times über den Einsatz der Kameras berichtet. Das Büro des israelischen Ministerpräsidenten reagierte nicht auf eine Anfrage.
Conor Healy, Forschungsdirektor des Überwachungsfachdienstes IPVM, sieht darin ein Sicherheitsdilemma für Regierungen, die Dissens unterdrücken wollen: Die Infrastruktur, die autoritäre Staaten errichten, um ihre Herrschaft unangreifbar zu machen, könne ihre Führung gerade für jene sichtbar machen, die sie töten wollen.
Dass Kameras im Krieg gehackt werden könnten, hatten Fachleute lange gewarnt. Der Sicherheitsingenieur Paul Marrapese entdeckte bereits 2019, dass er von seinem Büro in Kalifornien aus Millionen Kameras leicht übernehmen konnte. Ein Scan ungeschützter Kamera-Feeds in diesem Jahr ergab nach seinen Angaben fast drei Millionen Treffer in nahezu jedem Land der Welt, darunter knapp 2.000 Kameras allein im Iran. Viele seien trivial zu hacken – oft fehlen Passwörter oder Sicherheitsupdates, oder es genügt eine generische Kennung wie „1234". Selbst vom Internet getrennte Behördennetze seien angreifbar, da ein einziger Insider genüge.
Lange blieb das Kapern von Kameras für Kriegszwecke theoretisch. 2023 jedoch hackte die Hamas laut israelischen Medien vor ihrem Angriff am 7. Oktober Überwachungskameras im Süden Israels, um Patrouillen zu beobachten. Im selben Jahr versuchte Russland nach Angaben eines ukrainischen Vertreters, Kameras nahe Raketenzielen zu übernehmen; 2024 hackten russische Akteure Kameras in Kiew und an Grenzübergängen.
Fortschritte bei der KI hätten eine entscheidende Hürde beseitigt, so Experten: das Sichten riesiger Videomengen, das früher Analystenteams Wochen kostete und heute in Echtzeit möglich ist. Der Kryptograf und Sicherheitsexperte Bruce Schneier erklärte, früher habe man Kameras zwar hacken können, doch Menschen mussten die eigentliche Arbeit leisten, einen Standort zu bestimmen – mit KI lasse sich vieles automatisch erledigen.
Irans Kameras wurden in den vergangenen Jahren wiederholt angegriffen. 2021 veröffentlichte eine Exilgruppe Aufnahmen von Misshandlungen im Teheraner Evin-Gefängnis; 2022 behauptete eine andere Gruppe, über 5.000 Kameras gehackt zu haben. Während eines zwölftägigen Krieges im vergangenen Sommer nutzte Israel laut iranischen Abgeordneten und einer israelischen Dokumentation Teherans Kameras, um eine Sitzung des Obersten Nationalen Sicherheitsrats zu lokalisieren und zu bombardieren, wobei Präsident Massud Peseschkian verletzt wurde.
Nach Angaben von Check Point Research sind iranische Hackerangriffe auf Kameras seit Kriegsbeginn sprunghaft gestiegen, mit Aktivitätsschüben in Israel und Golfstaaten wie Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Israels Nationales Cyberdirektorat teilte mit, es habe in diesem Monat Hunderte ins Visier genommene Kamerabesitzer gewarnt und zu Passwortwechseln und Software-Updates aufgerufen. Ali Vaez von der International Crisis Group nannte die Entwicklung einen Weckruf, fügte aber hinzu, das Stopfen von Lücken bleibe ein „Hau-den-Maulwurf"-Spiel.
