Die PolyShell-Schwachstelle zählt zu den gefährlichsten Bedrohungen für die eCommerce-Branche in diesem Jahr. Sie liegt in Magentos REST-API, die Datei-Uploads als Teil von benutzerdefinierten Optionen für Warenkörbe akzeptiert. Diese sogenannten Polyglot-Dateien ermöglichen es Angreifern, beliebigen Code auszuführen oder sich Zugang zu Kundenkonten zu verschaffen – sofern die Webserver-Konfiguration dies zulässt.
“Die Massenausbeutung begann am 19. März, nur 48 Stunden nach der öffentlichen Offenlegung”, berichten die Sansec-Forscher. Diese rasante Ausbreitungsgeschwindigkeit ist typisch für kritische Schwachstellen mit hohem Ausnutzungspotenzial. Adobe veröffentlichte zwar bereits am 10. März einen Patch für die Beta-Version 2.4.9-beta1, doch dieser ist nicht in den stabilen Produktionszweig eingegangen – ein Problem für tausende Betreiber, die auf eine offizielle Sicherheitsaktualisierung warten.
Besonders innovativ ist die Malware-Strategie der Angreifer: Sie setzen einen neuen Zahlungskarten-Skimmer ein, der Web Real-Time Communication (WebRTC) nutzt, um gestohlene Daten zu exfiltrieren. Dies ist raffiniert, denn WebRTC verwendet verschlüsselte UDP-Verbindungen statt HTTP. Dadurch umgeht die Malware typische Content Security Policies (CSP) und andere sicherheitstechnische Kontrollen.
Der JavaScript-Loader verbindet sich mit einem Command-and-Control-Server über manipulierte SDP-Exchanges und empfängt zusätzliche Schadcode-Payloads über den verschlüsselten Kanal. Zur Vermeidung von Erkennungsmechanismen verzögert der Skimmer seine Ausführung mit ‘requestIdleCallback’. Sansec entdeckte diese Malware auf der Website eines Autoherstellers mit über 100 Milliarden Dollar Bewertung – die Benachrichtigungen des Sicherheitsunternehmens blieben unbeantwortet.
Für Betreiber von Magento-Installationen wird es kritisch: Ohne Patchmöglichkeit auf stabilen Versionen müssen sie auf alternative Schutzmaßnahmen zurückgreifen. Sansec veröffentlichte eine Liste mit verdächtigen IP-Adressen, die nach anfälligen Shops scannen, sowie weitere Indikatoren zur Defensivmaßnahmen. Deutsche eCommerce-Unternehmen sollten ihre Systeme sofort überprüfen und zu Adobe drängen, endlich einen Produktionspatch bereitzustellen.
