Vor Journalisten erklärte ein hochrangiger Kommissionsvertreter, man sei “nicht von den Maßnahmen überzeugt, die Snapchat ergriffen hat, um sicherzustellen, dass keine Unter-13-Jährigen auf die Plattform gelangen”. Verbreitete einfache Systeme wie die Selbstauskunft, bei der Nutzer lediglich bestätigen, alt genug zu sein, gelten als wirkungslos. Zugleich stehen laut Kommission auch fortgeschrittenere Werkzeuge wie Snapchats KI-gestützte Altersschätzung in der Kritik, weil sie Nutzer nicht zuverlässig identifizieren.
Die Kommission zeigte sich besonders besorgt darüber, dass Snapchat-Nutzer durch die Altersprüfung fallen könnten – sei es, dass Kinder sich als ältere Nutzer ausgeben, oder dass Erwachsene vorgeben, minderjährig zu sein. Es gebe zunehmend Hinweise auf sogenanntes Grooming auf der Plattform, das über sexuelle Ausbeutung hinausgehe und auch Versuche umfasse, Minderjährige in kriminelle Aktivitäten und verstärkt in extremistische Netzwerke hineinzuziehen.
Henna Virkkunen, die für Technologie zuständige Kommissarin, erklärte: “Von Grooming und der Konfrontation mit illegalen Produkten bis hin zu Kontoeinstellungen, die die Sicherheit Minderjähriger untergraben – Snapchat scheint übersehen zu haben, dass der Digital Services Act hohe Sicherheitsstandards für alle Nutzer verlangt. Mit dieser Untersuchung werden wir die Einhaltung unserer Gesetzgebung genau prüfen.”
Die Behörden prüfen zudem, ob Minderjährige auf verbotene Waren wie Alkohol und Vaping-Produkte zugreifen können und ob Snapchats Meldewerkzeuge den EU-Standards entsprechen. Das Verfahren baut auf früheren Arbeiten nationaler Aufsichtsbehörden auf, unter anderem in den Niederlanden, und unterstellt die Untersuchung nun der direkten Kontrolle der Kommission.
Gesondert teilte die Kommission mit, dass die vier Pornoseiten Pornhub, Stripchat, XNXX und XVideos wahrscheinlich gegen EU-Regeln verstoßen, weil sie Minderjährige nicht am Zugang zu Inhalten für Erwachsene hindern. “Wenn man eine Plattform nur für Erwachsene ist, muss man sicherstellen, dass auch nur Erwachsene auf die Plattform kommen, und wir sind nicht überzeugt, dass sie die nötigen Maßnahmen ergriffen haben”, so der Vertreter. Die Seiten setzten weitgehend auf Selbstauskunft per Klick, was die Kommission als unzureichend ansieht.
Parallel testet die Kommission ein datenschutzorientiertes “Mini-Wallet”, mit dem Nutzer ihr Alter nachweisen können, ohne persönliche Daten herauszugeben; Unternehmen dürfen aber auch andere Systeme nutzen, sofern diese die EU-Standards erfüllen. Der Pilotversuch läuft in Frankreich, Dänemark, Italien, Griechenland und Spanien und ist Teil der umstritteneren Pläne für eine EU-weite digitale Identitäts-Wallet.
Statt Ausweisdokumente hochzuladen, soll eine vertrauenswürdige Stelle das Alter einmal überprüfen und den Nachweis auf dem Gerät des Nutzers speichern. Beim Zugriff auf einen Dienst teilen Nutzer dann nur eine einfache Bestätigung, etwa über 18 zu sein, ohne Name oder Geburtsdatum preiszugeben. Das System arbeite über einen “dreieckigen” Aufbau, bei dem die altersprüfende Stelle nicht direkt mit der Plattform interagiere, und schütze Identitäten mittels kryptografischer Zero-Knowledge-Beweise. “Hier geht es nicht darum, die Daten irgendwo zu speichern”, sagte ein hochrangiger Vertreter. Die Beamten vergleichen die Technik mit den EU-COVID-Zertifikaten.
Kritiker halten dem Ansatz weiterhin erhebliche Datenschutz- und Sicherheitsbedenken entgegen. Zivilgesellschaftliche Gruppen und Forscher warnen, das System könne bei schwachen Schutzvorkehrungen neue Risiken durch Datenmissbrauch, Cyberangriffe und Ausgrenzung schaffen.
