Dass eine Bedrohungskategorie in der Cybersicherheit rückläufig ist, gehört zu den Seltenheiten. Seit 2019 stiegen die Zahlen der OT-Angriffe mit physischen Folgen kontinuierlich: von wenigen Dutzend auf 76 Fälle im Jahr 2024. 2025 markiert eine Trendwende – doch die Gründe sind komplex und nicht alle beruhigend.
Die Sicherheitsexperten von Waterfall nennen drei mögliche Erklärungen. Die erste: verbesserte Cybersicherheitsmaßnahmen. Diese Hypothese wirkt jedoch fragwürdig, wenn man betrachtet, wie Angreifer vorgehen. Im Januar 2025 gelang es etwa einem italienischen Teenager, auf einem ungeschützten System Schiffe im Mittelmeer umzuleiten – nur weil sich eine menschliche Bedienoberfläche (HMI) im Internet befand und mit Standardpasswörtern gesichert war. “Menschen, nehmt eure HMIs aus dem Internet”, mahnt Andrew Ginter, Vize-Präsident für Industrielle Sicherheit bei Waterfall Security Solutions. Es sind oft banale Sicherheitssünden, die Angreifer ausnutzen.
Die zweite Erklärung: weniger öffentlich gemeldete Zwischenfälle. Dies liegt teilweise daran, dass Meldepflichten in vielen Ländern – besonders außerhalb des Westens, wo OT-Angriffe häufiger vorkommen – nicht so streng sind. In Europa erfolgen Meldungen oft anonym und aggregiert, was detaillierte Statistiken erschwert.
Die dritte und wahrscheinlichste These: Ransomware-Angriffe sind rückläufig. Diese verursachen laut Waterfall die meisten OT-Attacken. Durchsetzungsmaßnahmen von US-Behörden und überraschenderweise auch von Russland haben Ransomware-Banden zerschlagen und desorganisiert. Doch diese Entspannung könnte vorübergehend sein. Ginter warnt: “Das Ransomware-Ökosystem stabilisiert sich wieder. Andere Akteure füllen die Lücken.”
Ein besorgniserregender Trend: Während physische Angriffe sanken, verdoppelten sich Angriffe ohne unmittelbare physische Folgen – besonders von Nationalstaaten und Hacktivisten. Diese zielten auf kritische Infrastrukturen ab. Russische Akteure infiltrierten Polens Solar- und Windkraftanlagen; militärische Operationen gegen Luft-Abwehrsysteme im Iran und Venezuela könnten von den USA durchgeführt worden sein.
Auch die Qualität der Angriffe sank: 2024 entdeckte man drei neue OT-spezifische Malware-Varianten. 2025 kam Neues nicht vor. Doch die bestehenden Angriffe waren oft verheerend – der Jaguar-Land-Rover-Angriff beschädigte die britische Wirtschaft um 2,5 Milliarden Dollar.
Für deutsche Infrastrukturunternehmen und Behörden bleibt das Fazit klar: Während die Angriffsfrequenz sinkt, steigt die potenzielle Schädigung der einzelnen Angriffe. Eine falsche Sicherheit ist das letzte, das die Verantwortlichen brauchen können.
