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Lateinamerikas Cyber-Talente: Selbstgelernte Profis werden übersehen

Lateinamerikas Cyber-Talente: Selbstgelernte Profis werden übersehen
Zusammenfassung

Lateinamerika steht unter massivem Cyberangriffsdrucke: Die Region verzeichnet 40 Prozent mehr Attacken als der globale Durchschnitt, weshalb Unternehmen dringend ihre Sicherheitskapazitäten ausbauen müssen. Eine aktuelle Studie der renommierten Cybersicherheitskonferenz Ekoparty offenbart dabei ein paradoxes Problem: Während Organisationen verzweifelt nach Fachkräften suchen, wird ein großes Reservoir an talentierten Sicherheitsexperten systematisch übersehen. Der Grund liegt in starren Einstellungskriterien – 70 Prozent der lateinamerikanischen Cybersecurity-Profis haben ihre Fähigkeiten durch informelle Lernwege wie Online-Kurse und praktische Erfahrung erworben, nicht durch klassische Universitätsabschlüsse. Zudem arbeiten viele parallel in mehreren sicherheitsbezogenen Rollen, ein Modell, das viele Arbeitgeber nicht anerkennen. Die Erkenntnisse sind auch für Deutschland relevant: Deutsche Unternehmen und Behörden könnten von diesem flexibleren Ansatz bei der Personalsuche profitieren, besonders angesichts des heimischen Fachkräftemangels in der Cybersicherheit. Die Studie zeigt, dass Talentförderung, flexible Arbeitsmodelle und die Anerkennung informeller Qualifikationen entscheidend sind, um die Sicherheitslücken zu schließen.

Die Zahlen sind deutlich: 70 Prozent der befragten Cybersecurity-Profis in Lateinamerika haben ihre Fähigkeiten durch informelle Lernwege wie Online-Kurse und praktische Erfahrung erworben. Nur 44 Prozent besitzen einen Universitätsabschluss, lediglich 53 Prozent halten mindestens eine anerkannte Zertifizierung. Trotzdem arbeiten 79 Prozent in Vollzeitpositionen – viele kombinieren dies mit zusätzlichen Tätigkeiten wie Forschung, Lehre oder Bug-Bounty-Programmen. Ein Muster, das viele westliche Unternehmen nicht auf dem Radar haben.

Die Ekoparty-Studie legt einen unbequemen Finger in die Wunde: Unternehmen erwarten oft exklusives Commitment, verstehen aber nicht, wie die globale Sicherheitscommunity tatsächlich funktioniert. Besonders problematisch ist die Kluft zwischen Anforderungen und Realität. Federico Kirschbaum, Co-Founder der Ekoparty, beschreibt ein klassisches Henne-Ei-Problem: Selbst bei der ersten oder zehnten Cybersecurity-Einstellung fordern Firmen 10+ Jahre Erfahrung – bei Gehältern, die diesem Anspruch nicht entsprechen. Das hält talentierte Kandidaten ab und lässt Sicherheitslücken entstehen.

Zusätzlich verschärft sich das Problem durch strukturelle Barrieren. Etwa ein Drittel der Respondenten (35%) verfügt über weniger als drei Jahre Berufserfahrung, könnte aber als Entry-Level-Fachkraft wertvolle Dienste leisten. Frauen betreten das Feld durchschnittlich sieben bis zehn Jahre später als Männer – ein weiteres Indiz für ungenutzte Potenziale.

Doch die gute Nachricht: Geld ist nicht der einzige Motivator. Die Studie zeigt, dass Arbeitnehmer auch Wert auf Wohlbefinden, flexible Arbeitsmodelle (Remote/Hybrid), Anerkennung von Expertise und Jobsicherheit legen. Kirschbaum appelliert an Unternehmen, ihre Einstellungsprozesse grundlegend zu überdenken: Talente nicht nur zu rekrutieren, sondern bewusst zu entwickeln. “Viele Menschen in dieser Branche kommen aus informellen Lernhintergründen”, so der Ekoparty-Gründer. “Sie sind professionell, lieben ihre Arbeit – aber Unternehmen müssen verstehen: Wenn ihr dieses Talent gewinnen wollt, müsst ihr selbst Teil der Lernkurve werden.”

Für deutsche Unternehmen mit Lateinamerika-Engagement eine wichtige Lektion – und für lokale Firmen ein Weckruf, die globale Talentlandschaft nicht zu ignorieren.